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Kultur

08. Dezember 2016 | 17:13 Uhr

Literatur : «Schwarze Erde» - Eine Reise durch die Ukraine

vom

Es ist wohl eine mühsame Reise. Nicht nur viele hunderte Kilometer liegen vor ihm, auch Missverständnisse, Diskussionen und Streitgespräche erlebt der Autor und Reisende Jens Mühling auf seinem kuriosen Roadtrip.

Sein Ziel: Einmal quer durch die Ukraine. Sein neues Buch «Schwarze Erde. Eine Reise durch die Ukraine» gibt dabei Einblick in die komplexe Geschichte des Landes - das zwar jeden Tag in den Schlagzeilen steht, von dem aber nur wenige seine historische Tiefe kennen.

Mühling beginnt seine Reise ganz im Westen in der Stadt Lwiw, wo er die ersten historischen Schichten von Krieg, Krisen und politischen Entscheidungen freilegt. Das Land war jahrhundertelang hin und hergerissen zwischen den Grenzen, über die in erster Linie jedoch fremde Mächte entschieden. Von Österreichern, Deutschen bis zu den Sowjets - die Ukrainer mussten sich gezwungenermaßen stets ihrem Schicksal ergeben.

Diese Zerrissenheit überdauerte die Jahrhunderte und spiegelt sich auch in den einzelnen Begegnungen des Autors wider: Aus vielen Episoden entsteht das Porträt eines Landes, das nicht zur Ruhe kommt - sowohl die Gesellschaft als auch die Sprache ist von einer Frontlinie zerstückelt. Mühling selbst kämpft auf seiner Reise oft mit Sprachwirrwarr, Unverständnis oder Verschlossenheit. Dabei helfen ihm seine Hartnäckigkeit und Neugier, dass Menschen vor Ort nicht nur ihre persönliche Geschichte, sondern auch ihre Träume oder vertane Chancen im Leben zu erzählen. Der Journalist (Jahrgang 1976) trifft auf seiner Reise alte Bauern, Landbewohner und Stadtmenschen, Junge erzählen ihm von ihren Hoffnung, die Alten klammeren sich an die Erinnerungen.

Mühlings Reise ist nicht selten eine abenteuerliche Fahrt ins Ungewisse, hauptsächlich mit dem Zug, manchmal auch per Bus durchquert er das riesige Land. In den Städten und Dörfern bringt er kuriose Geschichte hervor: Von einem Örtchen in den Karpaten, dass sich als Mittelpunkt Europas wähnt oder einem Städtchen, das seit wenigen Jahren als Pilgerort bekannt ist, seine Einwohner einst den Glauben verloren, aber noch immer auf ein Wunder hoffen. Die Begegnung mit den Einheimischen stellt das eigentliche Abenteuer dar - auch wenn Mühling gelegentlich damit kämpfen muss, seine Sympathie und Antipathie nicht zu sehr nach außen zu tragen.

Mühlings Odyssee führt über die Karpaten zur Hauptstadt Kiew bis zur Halbinsel Krim. Nach vielen Wochen kommt er in der 6000-Seelen-Gemeinde Milowe an, die zwar durch die Straße der Völkerfreundschaft, aber einen streng bewachtem Grenzpfosten mit dem russischen Pendant verbunden ist. Ob im Westen der Ukraine oder in den umkämpften Gebieten im Osten: Mühling trifft auf seiner Reise immer wieder auf Konstanten - «Ganz im Osten, dachte ich, ... ist es wie ganz im Westen der Ukraine», resümiert Mühling am Ende seiner Reise vor dem Schlagbaum. Traurig blicken die Menschen über die Grenzen und hoffen immer irgendwie auf Besserung.

Jens Mühling: Schwarze Erde - Eine Reise durch die Ukraine, Rowohlt, Reinbek, 288 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3498045340

Schwarze Erde

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erstellt am 10.Mai.2016 | 13:15 Uhr

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