zur Navigation springen

Kultur

05. Dezember 2016 | 21:48 Uhr

Literatur : Sarkastisch - Eugen Ruge wirft den Blick in die Zukunft

vom

«In Zeiten des abnehmenden Lichts» beschreibt Eugen Ruge das Leben einer ostdeutschen Familie über mehrere Generationen und bekommt den Deutschen Buchpreis. In «Follower» geht es um einen «fiktiven Enkel».

Eugen Ruges neues Buch «Follower» liest sich wie ein Science-Fiction-Roman: Im Jahr 2055 gibt es einen «Transit-Schutzwall» gegen «Restwelt-Migranten», «klimaregulierende Großsprengungen» in Australien und einen Trend zur «Eigengeburt».

Manche Dinge scheinen auf die Spitze getrieben, andere wirken real - etwa wenn die Hauptfigur Nio Schulz über eine smarte Brille kommuniziert und ununterbrochen mit Informationen überflutet wird. Der Enddreißiger ist in China, mittlerweile die führende Industrienation. Dort soll er das sinnlose Produkt «True Barefoot Running» verkaufen.

Flüssig und flott ist das Buch geschrieben, ironisch und sarkastisch, verflochten mit Entwicklungen und Tendenzen unserer Zeit. Mit Ruges mehrfach ausgezeichnetem Debütroman «In Zeiten des abnehmenden Lichts» (Deutscher Buchpreis 2011) hat «Follower» ebenfalls zu tun.

Nio Schulz ist nämlich der fiktive Enkel Alexanders, der die DDR kurz vor ihrem Ende verlässt und aus dessen Perspektiven die Geschichte dieser ostdeutschen Familie erzählt wird. Ruge beschreibt in seinem Bestseller die Schicksale und Schwächen der Umnitzers mit ihren Lebensläufen, Hoffnungen und Illusionen vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse von 1952 bis 2001.

Auch in «Follower» zeigt sich der Autor wieder als genauer Beobachter: So kommt es im Jahr 2055 vor allem darauf an, eine politisch neutrale Sprache («pisi») zu benutzen und sich korrekt zu verhalten: Behinderte heißen «Sonderbefähigte», es gibt «Männerfahrstühle» und eine «Große Mitte-Links-Rechts-Partei», die sich für die Sicherheit der Spareinlagen verbürgt.

Jedes der 14 Kapitel ist ein Endlossatz - zusammengesetzt aus dem Strom der Gedanken und der inneren Stimme von Nio Schulz sowie pausenlos auf ihn einströmenden Informationsschnipseln. Er ist im Hotelzimmer, im Frühstücksraum, bewegt sich durch eine chinesische Stadt mit künstlicher Atmosphäre und verirrt sich schließlich in einem riesigen unterirdischen Kaufhaus namens «Alles und Jedes», einer surrealen Welt mit ferngesteuerten Robotern und absurden Produkten. Zwischendurch rufen seine Chefin und ein Kollege an, seine Freundin meldet sich aus den USA.

Das alles wirkt atemlos, grotesk und irrwitzig. Ruges Roman ist wie eine Skizze, die Schlaglichter auf Themen wie Globalisierung, Überwachung, Vereinzelung und Selbstoptimierung wirft. Zwischen den Kapiteln werden Ermittlungsprotokolle des Bundeskriminalamts und der European Security and Anti-Terror Facilities abgedruckt. Diese beiden Behörden suchen nach der verschwundenen «Zielperson Schulz, Nio» und haben viele - auch sehr persönliche - Daten über sie gesammelt.

Nio wirkt wie ein Verlorener, er steht am Ende einer langen Linie von Vorfahren und Geschehnissen vom Urknall über den Zweiten Weltkrieg bis zu seinem Großvater Alexander («ein bekannter Schriftsteller», dessen Tod im Roman gemeldet wird) und seinem Vater Markus - geschildert im Abschnitt «Genesis/Kurzfassung». «Follower - Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel» ist rauschhaft und auch beklemmend. Auf den 320 Seiten passiert nicht viel: Wer eine ähnlich gemachte Fortsetzung von «In Zeiten des abnehmenden Lichts» erwartet hat, könnte enttäuscht sein. Ein unkonventionelles Werk, am Schluss mit einem Funken Hoffnung - zumindest für Nio, der auf einem Elektro-Roller ins Freie rollt.

- Eugen Ruge: Follower. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 320 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-498-05805-0.

Eugen Ruge bei Rowohlt

zur Startseite

von
erstellt am 06.Sep.2016 | 14:35 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert