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Kultur

07. Dezember 2016 | 11:46 Uhr

Literatur : Ruth Rendell beschwört «Alle bösen Geister»

vom

Der deutsche Titel ihres 2012 in Großbritannien erschienenen Romans «The St. Zita Society» hätte ihr sicher gefallen, denn damit ruft sie «Alle bösen Geister» auf den Plan.

Die im vergangenen Jahr im Alter von 85 Jahren gestorbene Ruth Rendell stellt in einem ihrer letzten Krimis Dienstboten vornehmer Anwohner am noblen Londoner Hexam Place in den Mittelpunkt der Handlung des jetzt in Deutschland veröffentlichten Buchs. Hier geschehen seltsame Dinge, die die Polizei auf den Plan rufen, so das unerklärliche Verschwinden eines Fernsehschauspielers, der der Geliebte der Millionärsgattin Lucy Still war.

Zu diesem Zeitpunkt ahnt niemand, dass Preston Still, der gehörnte Ehemann, seinen Nebenbuhler eine Treppe heruntergestoßen hat - mit tödlichen Folgen. Doch es gibt eine Zeugin, das Au-Pair-Mädchen der Familie, Montserrat. Als die Leiche des Prominenten gefunden wird, ist das natürlich ein großes Thema unter den Angestellten am Hexam Place. Es sind schon eigenwillige Gestalten, die sich hier in der Gesellschaft der heiligen Zita, der Schutzpatronin der Dienerschaft, zusammenfinden. Aber sie sind - ebenso wie ihre Herrschaften - auch ein Spiegelbild menschlicher Charaktere mit allen Nuancen, die von selbstlos, hilfsbereit, tüchtig und treu über clever und geschäftstüchtig bis hin zu faul, missgünstig, egoistisch und gerissen reichen.

Ja, auch Skrupellosigkeit gehört zu jenen Eigenschaften, die das weitere Geschehen in dem Roman bestimmen. Und davon besitzt Montserrat eine ganze Menge. Klar, dass sie ihr Wissen um den «Unfall» zu ihrem Vorteil ausnutzen will. Klar aber auch, dass Preston Still sich das nicht so ohne Weiteres gefallen lässt. Ruth Rendell, eine der beliebtesten und erfolgreichsten Krimi-Autorinnen der Gegenwart, wäre nicht Ruth Rendell, wenn ihre Geschichte einfach nur aus Erpressung und Gegenwehr bestehen würde.

Es ist eine Vielzahl aus größeren und kleineren Sünden, falschen Entscheidungen oder Vergehen, in die neben Montserrat beispielsweise Kammerdiener Henry, Chauffeur Jimmy oder das Schwulenpärchen Roland und Damian involviert sind. Und gerade hier, beim Aufdröseln des raffinierten Lügen- und Intrigenspiels, in das alle ihre Figuren irgendwie einbezogen werden, zeigt die Britin ihr großes Talent, Menschen in die Seele zu blicken und ihre Träume und Sehnsüchte nachzuempfinden, aber eben auch Abgründe zu erkunden. Und sich in die Gedankenwelt des psychisch gestörten Gärtners Dex zu versetzen.

Dex, gerade aus der Psychiatrie entlassen, gilt als zuverlässig und harmlos, obwohl jeder weiß, dass er über sein Mobiltelefon eine göttliche Stimme hört und zudem böse Geister zu sehen glaubt. Auch der Gärtner, ansonsten eher Einzelgänger, ist Mitglied der Zita-Gesellschaft, die für den geistig Verwirrten so etwas wie Mitleid empfindet. Natürlich hat er mit dem tragischen Ende des Schauspielers nichts zu tun. Und doch bringt er Rasanz in die Handlung. Dabei ist diese trotz aller Spannung über weite Teile gemächlich, was keineswegs zum Nachteil ist.

Im Gegenteil, «Alle bösen Geister», zu denen neben den dienstbaren natürlich auch die herrschaftlichen gehören, ist gerade deswegen mehr als ein unterhaltsamer, teilweise humoriger Krimi, sondern schon fast ein kleines Sittenbild, das die von der Queen geadelte Autorin als Erzählerin von Format bestätigt.

Ruth Rendell, vielen auch als exzellente Thriller-Autorin unter dem Pseudonym Barbara Vine bekannt, hat in diesem Werk auf den Einsatz ihrer beliebtesten und bekanntesten Krimi-Figur, Inspector Reginald Wexford, verzichtet und den Ermittlern eher eine untergeordnete Rolle zugewiesen. Insgesamt hat sie in ihrem Leben mehr als 60 Bücher veröffentlicht. Es bleibt zu hoffen, dass auch ihre letzten Werke noch in deutscher Sprache erscheinen.

Ruth Rendell: Alle bösen Geister, Blanvalet Verlag München, 352 Seiten, 16,99 Euro, ISBN 978-3- 7645-0509-7

Alle bösen Geister

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erstellt am 12.Jul.2016 | 09:03 Uhr

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