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Kultur

11. Dezember 2016 | 11:01 Uhr

Museen : Roth wirft das Handtuch - Protest gegen Brexit?

vom

Der deutsche Kulturmanager Martin Roth verlässt Londons Victoria and Albert Museum. Seine Entscheidung ist wie ein Blitz eingeschlagen. Ein aufrüttelnder Protest gegen den Brexit?

London (dpa) – Martin Roth (61) wirft das Handtuch. Die Nachricht, dass der deutsche Kulturwissenschaftler das Victoria and Albert Museum in London verlässt, kam überraschend. Der Brexit dürfte eine entscheidende Rolle dabei spielen.

Der Museumschef, der von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden kam, war der erste Deutsche an der Spitze eines britischen Topmuseums. Er hatte das Victoria and Albert Museum in London seit 2011 umgekrempelt und zu einer attraktiven und international renommierten Institution herausgeputzt. Besucherrekorde, gigantische Ausstellungen zu Pop, Design, Mode und Geschichte. Roth, immer korrekt in Anzug und Schlips, mischte sich unters Volk. Nicht selten bekamen Besucher am Eingangsschalter Informationen direkt von ihm.

Das Museum in South Kensington bot Entertainment, Kunst und Zeitvertreib. Roth schwärmte in Interviews von der Kunstszene in der britischen Hauptstadt. Paris und andere europäische Metropolen könnten London das Wasser nicht reichen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur einmal.

Aber die dunklen Wolken, die mit dem britischen Brexit-Votum vom 23. Juni am Horizont aufgetaucht sind, haben während der Sommerferien bei Roth offenbar einen Gesinnungswandel bewirkt. Die «ganze Tonlage» habe sich verändert, sagte er nach seiner Entscheidung. Er empfinde den Brexit auch als eine persönliche Niederlage. Die Zeit für «nette Ausstellungen» sei vorbei. «Das Anti-Europäische nimmt hier täglich zu», sagte Roth dem Deutschlandfunk.

Seine Äußerungen kamen vor dem Hintergrund fremdenfeindlicher Angriffe auf Polen in Großbritannien, von Protesten gegen Immigranten in Calais und eines anhaltendes Gefühls der politischen Lähmung und Unsicherheit im Lande. Wie viele Beobachter hatte wohl auch Roth die schwelende Anti-EU-Haltung der Briten und die tiefe soziale und wirtschaftliche Spaltung des Landes unterschätzt. Das negative Votum wohl schon ahnend, schrieb er vor der Abstimmung im «Evening Standard»: «Diejenigen, die an ein Großbritannien in "herrlicher Isolation" glauben, werden bitter enttäuscht werden. Aber, was immer geschieht, Großbritanniens kulturelle Verbindungen mit Europa werden sich nicht auflösen – denn sie gehen tiefer und sind größer als die EU.»

An diesem Leitfaden, so scheint es, hält sich auch der Rest der britischen Kulturgemeinschaft fest. Auch wenn es vielleicht ein Strohhalm ist, an den sie sich klammern, beschwören Vertreter von Kunst und Kultur die erwiesene Fähigkeit ihrer Branche, aus Krisen gestärkt hervorzugehen. Bisher geben Besucherzahlen für Museen und Tourismus ihnen noch Recht, aber die Unsicherheit über die Zukunft nagt an allen Prognosen.

Die Brexit-Entscheidung, so sagte Rufus Norris, künstlerischer Leiter am National Theatre, habe die Kulturwelt aufgerüttelt. «Wir mussten feststellen, dass 50 Prozent der Bevölkerung sich nicht repräsentiert fühlen.» Für Norris ist diese Erkenntnis Auslöser dafür, die europäische Kulturzusammenarbeit noch weiter zu fördern. «Isolation ist schlecht für die Kultur und sehr schlecht für die Gesellschaft, das machen wir nicht mit.» Der Designer Wayne Hemingway dagegen befürchtet die Abwanderung junger Talente «nach New York und Berlin».

Die deutlichsten Worte kamen bisher von Stephen Deuchar, dem Direktor des Arts Fund, einer unabhängigen Stiftung zur Kunstförderung. Er zeigte sich zutiefst besorgt über den potenziellen Wegfall der EU-Kunstförderung. Obwohl bestehende Zusagen eingehalten würden, könne Großbritanniens Austritt aus der EU einen geschätzten Verlust der europäischen Kulturförderung in Milliardenhöhe zur Folge haben und das «Kulturklima in Großbritannien schwerwiegend beeinträchtigen», sagte Deuchar in einer Umfrageserie des Magazins «New Statesman».

Auch die wahrscheinliche Einschränkung der Freizügigkeit dürfte den kulturellen Austausch behindern. Der deutsche Künstler und Fotograf Wolfgang Tillmans, der in London und Berlin lebt und im Jahr 2000 mit dem renommierten Turner Prize ausgezeichnet wurde, sagte laut «New Statesman»: «Künstler können einfach ihre Materialien einsammeln und fliehen. Das ist jetzt mit dem Referendum plötzlich viel komplexer geworden. Europa ist für Künstler keine befreiende Perspektive mehr, sondern ein Ort, an dem sie Visa und Papierkram für den Zugang brauchen.»

Der Konzertpianist Stephen Hough gab dem «Guardian» eine Sicht aus seiner Perspektive: «Musiker spielen weiter, wenn das Licht ausgeht, wenn Menschen leiden, verbittert oder verwirrt sind. Musik schaut über den Tag hinaus. Die klassische Musik denkt in Jahrhunderten, nicht in Wahlperioden“, sagte Hough.

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erstellt am 05.Sep.2016 | 17:55 Uhr

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