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Kultur

05. Dezember 2016 | 09:36 Uhr

Literatur : Romeo und Julia in Afghanistan

vom

Berlin (dpa) – Ein junges Mädchen und ein junger Mann verlieben sich ineinander. Den ersten sehnsüchtigen Blicken folgen heimliche Treffen, schließlich macht der junge Mann dem Mädchen einen Heiratsantrag. So weit so gut. Das Happy End scheint garantiert. Doch leider spielt die Liebesgeschichte nicht in Europa, sondern in Afghanistan. Und deshalb wird sie zum Drama.

Denn Ali und Zakia gehören unterschiedlichen Völkergruppen an. Er ist Hazara und sie ist Tadschikin, zudem ist er Schiit und sie Sunnitin. Das geht in den Augen vieler Afghanen gar nicht. So sieht es auch Zakias Familie, für die eine Heirat ihrer Tochter mit einem Hazara unter ihrer Würde ist. Der Vater verbietet der Tochter die Beziehung. Normalerweise wäre jetzt die Liebesgeschichte zu Ende. Doch Ali und Zakia entschließen sich zum Widerstand. Sie ergreifen die Flucht und heiraten heimlich. Zakias Familie nimmt die Verfolgung auf.

Üblicherweise gehen solche Geschichten nicht gut aus. Denn Tradition und Gewohnheitsrecht sind auf Seiten der Familien. Diese rächen sich oft mit Gewalt. Ein Mord um der sogenannten Ehre willen ist in Afghanistan zwar offiziell verboten, doch für Männer fällt die Strafe so lächerlich gering aus, dass die Bluttat als Bagatelldelikt erscheint.

Dass Alis und Zakias Geschichte einen glücklicheren Verlauf nimmt, haben sie vor allem einem Amerikaner zu verdanken. Rod Nordland, Afghanistan-Korrespondent der «New York Times», wird zu ihrem Retter. Er schreibt über das Liebespaar und bald rührt die Geschichte von Romeo und Julia in Afghanistan die halbe Welt.

Wer Nordlands Buch «The Lovers» liest, befindet sich schnell in einem Dilemma. Einerseits ist es empörend, dass archaische Stammesgesetze und staatliche Willkür ein Paar in die Illegalität treiben, dessen einziges Verbrechen es ist, sich zu lieben. Andererseits jedoch sind auch Nordlands Methoden fragwürdig. Der Journalist und sein Fotograf verleihen dem Liebespaar eine solche Publizität, dass sich die «beleidigte» Familie und alle, die auf ihrer Seite stehen, erst recht herausgefordert fühlen, ihre Gesetze gegen die sich einmischenden Besatzer aus dem Westen durchzusetzen. Zakias Familie gibt in ihrem Fanatismus sogar ihre Existenz im heimischen Bamiyan auf, um der nach Kabul Geflüchteten nachzustellen. Die Bestrafung der unbotmäßigen Tochter wird zum einzigen Lebenszweck.

Bizarr mutet es an, wenn Leser aus den USA nach Neuigkeiten über das Liebespaar dürsten, so als handele es sich um eine «Soap Opera» in Fortsetzungen. Nordlands Fotograf besteht auf Porträts der Liebenden, um die Herzen der Leser daheim zu rühren. Vom rein professionellen Gesichtspunkt her ist das vielleicht nachvollziehbar, doch ist es auch nicht ohne Rücksichtslosigkeit in einer Gesellschaft, in der Frauenporträts quasi ein Tabu sind.

Völlig aus den Fugen gerät die Geschichte, als sich in den USA mehrere Spender melden, die dem Liebespaar mit großzügigen Geldgaben die Flucht finanzieren wollen. Schließlich taucht auch noch der ehemalige Seelsorger von Michael Jackson, Rabbi Shmuley, auf. Dessen Freund, Ruandas Präsident Paul Kagame, will das Paar angeblich in seinem Land aufnehmen. Die Liebesgeschichte beschäftigt am Ende sogar die US-Vertreterin bei den Vereinten Nationen und mehrere westliche Botschaften in Afghanistan.

Das Gute ist: Zakia und Ali leben noch. Zakias Familie konnte den beiden bisher nichts anhaben. Das Paar kehrte nach Bamiyan zurück und hat inzwischen sogar ein Kind. Vielleicht kann die kleine Familie eines Tages im Ausland Asyl beantragen. Taugt die bewegende Geschichte des Liebespaares aber, um den segensreichen Einsatz der Amerikaner für den Kampf um die Rechte der Frauen in Afghanistan unter Beweis zu stellen, wie Nordland meint? Eher weniger, denn dieser einen glücklichen stehen so viele Liebesgeschichten gegenüber, die grausam enden, gerade weil sie niemals im Blickpunkt der Öffentlichkeit standen.

Rod Nordland: The Lovers. Wie zwei junge Liebende in Afghanistan zu Gejagten wurden, Ullstein Verlag, Berlin, 368 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-550-08100-2

The Lovers

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erstellt am 14.Jun.2016 | 13:25 Uhr

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