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Kultur

27. September 2016 | 12:20 Uhr

Revolution in Kuba : Rock’n’Revolution: Rolling Stones in Havanna

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Erst kam Obama nach Havanna, dann Mick Jagger: Mit dem Auftritt der Rolling Stones wird zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage auf Kuba Geschichte geschrieben.

Havanna | Mick Jagger ist ja auch nur zwölf Jahre jünger als Kubas Staatschef Raúl Castro. Aber wie der 72-Jährige da in Havanna über die Bühne tänzelt, sein Hinterteil an dem einer Sängerin reibt, nötigt den Kubanern Respekt ab, zumal viele ihre alte Führung eher humorlos finden. Die Rolling Stones gibt es fast so lange wie Kubas Revolution. Sie rocken seit 1962, als die Welt wegen der Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba am Rande eines Atomkrieges stand. Aber bisher war die Karibikinsel für sie musikalisches Sperrgebiet.

Dass sie hier doch noch mal ein fulminantes Konzert spielen dürfen, gar in der Woche, in der schon US-Präsident Barack Obama mit seinem Besuch beim früheren sozialistischen Erzfeind politische Geschichte geschrieben hat, ist etwas Besonderes für die Stones. Das merkt man ihnen an. Unter Revolutionsführer Fidel Castro (89) war die Musik der Briten verpönt, sie galt als dekadenter Auswuchs des Kapitalismus. Jetzt sind sie da – und spielen umsonst.

Das Ambiente wirkt ein bisschen wie ein Karibik-Woodstock. Und wie eine Antithese zum Kommerz sonstiger Konzerte. Keine Verkaufsstände mit Essen, Getränken, Platten und T-Shirts. Die Fans haben – trotz offiziellem Alkoholverbot – Tüten-Rum der Marke Tumbao dabei, schon sechs Stunden vor Beginn strömen sie auf das Gelände. Hier gibt es nur Zigarren-, keinen Marihuana-Geruch. Als kubanische Version des Dixi-Klos dienen Metallboxen, die auf Gullideckel gestellt wurden, Männer wie Frauen müssen den Toilettengang im Stehen verrichten, alles läuft direkt in die Kanalisation.


Dicht bevölkerte Dächer


Bei einem Durchschnittslohn von 20 bis 25 US-Dollar hätte sich kein normaler Kubaner so ein Konzert leisten können. Es wird unter anderem mit Hilfe einer Stiftung von der Karibikinsel Curaçao finanziert. Im Publikum zu finden ist auch US-Hollywoodstar Richard Gere. Besonders beliebt auf dem Konzertgelände: Selfies mit rausgestreckter Zunge, allerdings machen die meistens die Touristen, in Kuba sind moderne Smartphones Mangelware und für die meisten unerschwinglich. Die Dächer der Plattenbauten im Umfeld sind dicht bevölkert – findige Kubaner nehmen 15 US-Dollar Eintritt von angereisten Ausländern.

Es geht schon spektakulär los. Am Anfang ist eine kubanische Fahne auf den riesigen Leinwänden zu sehen, ein explodierender Feuerball lässt sie verschwinden, Oldtimer fahren durch virtuelle Straßen, an musizierenden und lachenden Menschen vorbei. „Bienvenidos a La Habana“ erscheint auf der Leinwand, anschließend entern Keith Richards (Gitarre), Ron Wood (Gitarre) und Charlie Watts (Schlagzeug) die Bühne – dann erst taucht Jagger auf. „Viele Jahre war es schwierig, uns hier in Kuba zu hören“, ruft Jagger auf Spanisch, mit unverkennbar britischem Akzent: „Jetzt sind wir da“. Und dann fügt er unter großem Jubel hinzu: „Die Zeiten ändern sich.“

Ganz schön heiß hier, meint Jagger, ein halbes Dutzend mal wechselt er das Outfit. Richards kniet immer wieder nieder, als er von der Bühne aus die jubelnden Massen sieht. Mehrere Hunderttausend sind laut Kubas Zentralorgan „Granma“ zu dem Gratiskonzert gepilgert, Schätzungen sprechen sogar von bis zu einer halben Million. Der rockhistorische Auftritt, der auch Tausende Briten, Deutsche und Stones-Fans aus anderen lateinamerikanischen Staaten angelockt hat, fehlte den Briten in ihrer Vita. Gerade Watts am Schlagzeug wirkt aber sichtlich angestrengt ob des Alters von 74 Jahren – zusammen kommen die vier lebenden Stones-Legenden auf stattliche 286 Jahre.

Das ruhige „Angie“, das opulente „Sympathy for the Devil“ mit Jagger im roten Plüschumhang und „Brown Sugar“ dürfen nicht fehlen. So eine Bühne wie auf dem großen Sportfeld der Ciudad Deportiva stand noch nie in Havanna, es ist eine opulente Show, riesige Videoleinwände, schnelle Schnitte, immer wieder taucht die zeitlose rausgestreckte Zunge auf, mal in Rot, mal in Gold.

Es sind die Angereisten, die das Geld mit den Stones machen. Zwei Argentinier verkaufen Aufkleber zum Kuba-Konzert, ein Dollar das Stück: „Wir finanzieren unsere Reise damit.“ Ein anderer verkauft T-Shirts nach dem Stones-Auftritt, 20 Dollar das Stück. Die Kubaner staunen ungläubig ob solcher Preise.


Wird sich Kuba weiter öffnen?


Was dieses Konzert wirklich verändert, wird die Zukunft zeigen. Nach wie vor herrscht für viele regimekritische Künstler Auftrittsverbot. Aber Mitte April steht der Parteikongress der kommunistischen Partei an. Dann wird sich zeigen, ob der von Raúl Castro nach Fidels Abtritt verstärkte Öffnungsprozess fortgesetzt wird – er soll mehr Touristen anlocken, um die Staatseinnahmen zu erhöhen.

Zum Schluss spielen die in Würde alternden Stones mit aller Energie, die sie nach zwei Stunden noch haben, ein fulminantes „I Can’t Get No Satisfaction“. Nach dem Auftritt dürfte auch mancher Kubaner sich genau das denken. Einer meint: „Als nächstes muss Metallica kommen.“

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erstellt am 29.Mär.2016 | 07:29 Uhr

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