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Kultur

30. September 2016 | 13:44 Uhr

Flüchtlingskrise : Renaissance und Protestkunst: Ai Weiwei in Florenz

vom

Der chinesische Gegenwartskünstler Ai Weiwei sorgt in Florenz für Diskussionen. In der Wiege der Renaissance präsentiert er seine bislang größte Einzelausstellung - auch mit Installationen, die die Flüchtlingskrise zum Thema haben.

«Ai Weiwei. Libero». Unter diesem Titel feiert Florenz in den kommenden vier Monaten einen der bekanntesten zeitgenössischen Künstler.

«Libero» - «Frei» ist der Titel der bislang größten Einzelausstellung des chinesischen Ausnahmekünstlers im Palazzo Strozzi, einem Renaissancepalast im Herzen der Stadt.

Doch die Begegnung zwischen Florenz und dem chinesischen Ikonoklasten verläuft nicht ganz reibungslos. Der Stil des 59-Jährigen erregt die Gemüter der Florentiner und entfacht die gerade in der Wiege der italienischen Renaissance seit Jahrhunderten immer wieder geführte Debatte über die Grenzen von gutem Geschmack und künstlerischem Ausdruck wieder neu. Vor allem «Reframe» (dt. etwa «neu rahmen), eine Installation aus 22 orangefarbenen Schlauchbooten an der Fassade des Palazzo Strozzi scheidet die Geister.

Schlauchboote wie diese werden zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer genutzt. Er respektiere jeden, der seine Freiheit suche, sagte der in China lange geächtete Künstler am Mittwoch vor der Presse. «Diese Menschen sind die Helden unserer Zeit», betonte Ai Weiwei. «Es ist ein Werk, das uns veranlasst, stehenzubleiben und nachzudenken», sagten die Ausstellungsmacher. Ai Weiweis Kritik richte sich diesmal gegen den Westen. «Sie erinnert an die Tragödie jener, die sich auf diese harte und fast hoffnungslose Reise zu den Küsten Europas begeben haben.»

Die Installation ähnelt dem Projekt des Künstlers am Berliner Konzerthaus Anfang des Jahres. Damals hatte Ai Weiwei 14 000 Schwimmwesten an den Säulen des Konzerthauses befestigt - sein Diskussionsbeitrag zur Flüchtlingskrise. Auch in einem Teich des Wiener Schlosses Belvedere hat Ai Weiwei als Teil einer bis 20. November laufenden Schau 1005 gebrauchte Rettungswesten verteilt.

«Reframe» ist das optisch eindrucksvollste der insgesamt 60 Werke, die vom 23. September bis zum 22. Januar zu besichtigen sind. Seit der Enthüllung der Installation in der vergangenen Woche gab es aber auch laute Kritik aus der Bevölkerung. «Einfach widerlich», schrieb etwa der Florentiner Roberto Batistoni auf der Facebook-Seite von Bürgermeister Dario Nardella. «Die Fassade eines der schönsten Paläste der Welt mit Dreck zu verunstalten und sogar Steuergelder zu verschwenden, ist eine Schande.»

Am Mittwoch gab sich Ai Weiwei von der Feindseligkeit überrascht. Kritik sei jedoch in Ordnung: «Denn in der Kunst, vor allem der zeitgenössischen Kunst, geht es darum, das Bewusstsein zu schärfen und intellektuelle Debatten zu stimulieren.» Cristina Acidini, die ehemalige Chef-Denkmalschützerin der Stadt, findet, Florenz sei in gleichen Maßen aufgeregt und besorgt über die Präsenz des radikalen Künstlers. «Ich weiß nicht, ob das Kunst ist», sagt sie. Aber die Werke seien emotional, voller Gedanken und dem Wunsch, Erlebtes auszudrücken. «Und das ist schließlich, was Künstler tun sollen.»

Der Bildhauer, Filmemacher, Installationskünstler und Menschenrechtler Ai Weiwei ist der wohl bekannteste chinesische Gegenwartskünstler. Für seine Kritik am kommunistischen System in China war er dort jahrelang geächtet. Erst im vergangenen Jahr durfte er nach Deutschland ausreisen. Seither lebt er in Berlin, fährt aber immer wieder auch in die Heimat zurück. An der Berliner Universität der Künste übernahm er zum Wintersemester 2015/16 die dreijährige Einstein-Gastprofessur.

Die Ausstellung in Florenz umspannt seine gesamte Karriere von den Anfängen in New York in den 1980ern, der Rückkehr nach China, seinem politischen Aktivismus und der Festnahme 2011 bis zur Ausreise nach Deutschland. Auch eigens für die Ausstellung geschaffene Werke wie Porträts aus Legosteinen von Dante und Galileo Galilei sowie ein Lego-Selbstporträt sind vertreten.

Ai Weiwei. Libero

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erstellt am 21.Sep.2016 | 17:59 Uhr

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