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Kultur

11. Dezember 2016 | 05:20 Uhr

Literatur : Psychothriller um Therapiegruppe: «Schande der Lebenden»

vom

Eine kleine Therapiegruppe von Suchtkranken steht im Mittelpunkt des neuen Romans von Mark Billingham. Es gibt ein Todesopfer, und die «Schande der Lebenden» verhindert eine schnelle Lösung des Falles. Aber die Geschichte lässt viele Möglichkeiten zu.

Berlin (dpa) – Mark Billingham ist durch seine Krimis um den Londoner Polizisten Tom Thorne bekannt und erfolgreich geworden. In seinem neuen Buch «Die Schande der Lebenden» geht er andere Wege.

Nicht nur, dass Thorne nicht auftaucht, auch die Polizeiarbeit selbst spielt eine viel geringere Rolle. Stattdessen konzentriert sich der Roman auf die Spannungen zwischen Menschen in Extremsituationen.

Fünf Menschen treffen sich jeden Montagabend im Privathaus eines Londoner Psychiaters. Sie alle haben eine Suchtkarriere hinter sich und versuchen nun, mit Unterstützung der Gruppensitzungen suchtfrei zu bleiben. Jeder bringt Probleme und Konflikte in die Treffen ein, die häufig zu explosiven Veranstaltungen werden.

Eine ganz wichtige Regel der Treffen, die von dem Psychiater Tony geleitet werden, ist, dass während der Sitzungen alles gesagt werden kann und soll, davon jedoch nichts nach außen getragen werden darf. Genau diese Regel wird zum Problem, als eines der Gruppenmitglieder tot aufgefunden wird. Lange Zeit lässt der Roman offen, welches der fünf Gruppenmitglieder überhaupt das Opfer ist.

Billingham hat durch ein einfaches, aber sehr cleveres und effektives Mittel dafür gesorgt, dass die Leser zwar mehr wissen als die Kommissarin Nicola Tanner, aber erst ganz am Schluss wirklich wissen, was passiert ist. Die vielen kurzen Kapitel sind entweder «damals» oder «jetzt» überschrieben.

Bald ist klar, dass die Teilnehmer der Therapiesitzungen etwas mit dem Mord zu tun haben. Aber wer spielte ein falsches Spiel, damals vor der Tat? Robin, der betäubungsmittelsüchtige Arzt, Diana, die gut situierte Frau, die trinkt, seit ihr Mann sie verlassen hat, Heather, die junge Arbeitslose, die wegen Spiel- und Heroinsucht in Therapie ist, die extrem übergewichtige Caroline oder der heroinsüchtige Chris? Und welche Rolle spielt Tony, der Psychiater mit zweifelhafter Vergangenheit?

Klar wird nur, dass die Initiative des Psychiaters, die Patienten etwas über ein Erlebnis berichten zu lassen, für das sie sich bis heute schämen, ein auslösender Faktor gewesen sein muss.

Und jetzt muss die Polizei einen Fall lösen, in dem sich alle Beteiligten auf ihr Schweigeversprechen berufen. Die vielfach wechselnden Personen im Mittelpunkt der Kapitel sorgen dafür, dass niemand wirklich im Vordergrund steht und somit als wahrscheinlicher Täter identifiziert werden könnte.

Die Schweigepflicht innerhalb der Gruppe wie auch die des Psychiaters stellen ein massives Hindernis für die Polizei dar, der Wahrheit näherzukommen. Aber schon bald wird klar, dass die Polizeiarbeit für die Romanhandlung zwar nicht unwichtig ist, aber hinter die persönlichen Beziehungen der Gruppenmitglieder zurücktritt.

Genau darin liegt die Meisterschaft der Erzählers Mark Billingham: Seine Figuren werden plastisch, wie werden zu tatsächlich realistischen Menschen, anstatt nur Figuren innerhalb einer erdachten Handlung zu sein. Natürlich ist alles erdacht und durchkonzipiert, aber das, was den Figuren geschieht, erscheint nie gezwungen.

Ebenso wie die Betroffenen und die Polizei wissen auch die Leser bis ganz zum Schluss nicht, was sich tatsächlich in der schicksalhaften Nacht nach dem letzten Gruppentreffen abgespielt hat. Bis zur letzten Seite un einem überraschenden Ende bleibt die Spannung in «Die Schande der Lebenden» erhalten.

- Mark Billingham: Die Schande der Lebenden. Atrium Verlag, Zürich, 445 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-85535-010-0.

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erstellt am 06.Sep.2016 | 14:27 Uhr

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