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Das erste Oval Office : Philadelphia zeigt George Washingtons Zelt

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«Wir sind am Ende», schrieb General Washington, als er spät im Krieg um die amerikanische Unabhängigkeit mal die Hoffnung verloren hatte. Es kam anders. Nun zeigt ein Museum in Philadelphia das Zelt, aus dem er Truppen lenkte und so den ersten Brexit der Geschichte erzwang.

Während Vertreter der 13 jungen Kolonien darüber stritten, ob und wie sie ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone formulieren sollten, bereitete sich George Washington auf den Krieg vor.

Die Schlachten bei Lexington und Concord hatten gezeigt, dass es ein langer, bitterer Kampf werden würde. Und so schickte der General im Frühjahr 1776 seinen Adjutanten Joseph Reed nach Philadelphia, um bei einem Sattler zwei Zelte in Auftrag zu geben.

Kanister, Zinngeschirr, Wasserkessel - der damalige Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee ahnte wohl, wie lang er mit seinen Truppen im Feld würde leben müssen. Weitere sieben Jahre sollte der Krieg gegen britische Soldaten dauern, mit Offensiven ab Frühling und manchmal bis tief in den Winter. Das Zelt diente Washington als Hauptquartier, Schlafgemach und Büro im Kampf um die Freiheit der Vereinigten Staaten. Heute zählt es zu den Kronjuwelen des Museum of the American Revolution, das am 19. April in Philadelphia öffnet.

Der klassizistische Backstein-Bau fügt sich in den historischen Stadtkern, wo die Debatte um das Schicksal der Kolonien besonders laut geführt wurde. Zu sehen sind Musketen, Uniformen und etwa die erste Zeitung, die die Unabhängigkeitserklärung abdruckte. Aber auch die an Feldlagern ausgegrabenen Metallknöpfe für Soldatenmäntel mit der Markierung «USA» - die erste verbreitete Nutzung der drei heute weltweit bekannten Buchstaben. Doch das Highlight, keine Frage, ist Washingtons Zelt.

«Das erste Oval Office», nennt es der für die Museumssammlung mitverantwortliche Scott Stephenson. Ein so lichtempfindliches Artefakt Tausenden Besuchern über hoffentlich Jahre zugänglich zu machen, sei kein Leichtes gewesen. Um es dem Licht nicht über viele Stunden pro Tag auszusetzen wie das berühmte Sternenbanner im Museum of American History in Washington, wird es pro Besuchergruppe nur kurz beleuchtet. Etwa zwei Minuten ist es am Ende eines Films über den Kampf um die Unabhängigkeit hinter bruchsicherem Glas zu sehen.

Etwas enttäuschend ist das schon, wenn man gehofft hatte, das etwa viereinhalb mal sechs Meter große Quartier von «GW» - dem späteren ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten - etwas genauer zu sehen oder gar begehen zu können. «Es war einer der wenigen Orte, wo Washington er selbst sein konnte», sagt der Historiker des Museums, Philip Mead. «Nachdem ich einmal ein Zelt betreten habe, werde ich es so bald nicht verlassen», schrieb Washington so auch im März 1776.

Im Schutz des naturweißen Textils mit gezacktem Volant und scharlachroter Randverzierung durchlebte der General die Hoch- und Tiefphasen des Krieges. «Ich bin ohne Zweifel überzeugt, dass diese Armee unausweichlich sterben, sich auflösen oder sich zerstreuen muss, wenn nicht plötzlich eine große und herrliche Veränderung stattfindet», war von ihm zu lesen. Jahre später, als der Sieg nahte, aber noch nicht in Sicht war, schrieb Washington: «Wir sind am Ende. Jetzt oder nie. Unsere Erlösung muss kommen.» Und sie kam: Nach der Schlacht von Yorktown fand der Krieg 1783 schließlich ein Ende.

Auch nach den Revolutionskämpfen, in denen es Stephenson zufolge an Hunderten Lagern aufgestellt wurde, legte es einen weiten Weg zurück. Washingtons Adoptivsohn reichte es an seine Tochter Mary Custis Lee weiter, die spätere Ehefrau von General Robert Lee, der die Konföderierten im amerikanischen Bürgerkrieg (1861-65) anführte. Es wurde von Truppen beschlagnahmt, bei der Smithsonian Institution eingelagert und fand schließlich zurück zu Lee, die es verkaufte, um mit dem Erlös die Witwen konföderierter Soldaten zu unterstützen.

In mühevoller Handarbeit hat Textil-Expertin Virginia Whelan es nun aufbereitet, die bereits einen Schal von Mahatma Gandhi und Franklin D. Roosevelts Mantel von der Jalta-Konferenz 1945 konserviert hat. Wer das Zelt nicht hinter Glas erleben will, kann einen originalgetreuen Nachbau besichtigen, den das Museum in Kurz-Ausstellungen an anderen Orten zeigen will. Letztlich sei den Kuratoren in Philadelphia wichtiger gewesen, die Geschichte der Revolution zu erzählen, als nur ein besonders spektakuläres Objekt zu bewerben, sagt Historiker Mead.

Und das gelingt auch. Anstatt die Ausstellungsräume nur mit Objekten zu überfrachten, zeigen nachgestellte Szenen und Videotafeln den Verlauf des Krieges. Frauen, Ureinwohner, Sklaven, Franzosen, hessische Söldner - sie alle spielten eine Rolle im Ringen um den endgültigen Abschied von den Briten. Es war, wenn man so will, der erste Brexit der Geschichte.

Museum of the American Revolution

Parkbehörde NPS zum Zelt

Mount Vernon zum Zelt

Sternenbanner im Museum of American History

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erstellt am 17.Apr.2017 | 08:56 Uhr

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