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Kultur

07. Dezember 2016 | 21:24 Uhr

Literatur : Neuer Wohlleben-Coup: Das Seelenleben der Tiere

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Mit seinem Buch «Das geheime Leben der Bäume» landete der Förster aus der Eifel einen Sensationserfolg. Nun wirft Waldflüsterer Peter Wohlleben einen Blick auf «Das Seelenleben der Tiere» - und landet damit den Coup, gleich zwei Sachbücher ganz oben auf den Bestsellerlisten zu haben.

Erneut mischt er wissenschaftliche Ergebnisse mit persönlichen Erfahrungen zu einem ebenso informativen wie unterhaltsamen Plädoyer für eine andere Sicht auf die Dinge.

Dass man Tieren ein Gefühlsleben vergleichbar dem des Menschen zubilligen sollte, macht Wohlleben (Jahrgang 1964) gleich am Anfang klar: In uns arbeiteten die genetischen Programme unserer Urahnen - ebenso wie in allen anderen Arten, deren Stammbaum im Laufe der Jahrmillionen von jenen frühen Lebewesen abzweigte. «Daher gibt es nach meinem Verständnis keine zweierlei Arten von Trauer, Schmerz oder Liebe.» Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Verletzung bei einem Schwein weniger schlimme Gefühle auslöse als beim Menschen, tendiere gegen null.

Wissenschaftler argumentierten häufig, es sei beim Thema Empfinden von Tieren ja noch gar nichts bewiesen - das aber werde wohl auch niemals machbar sein. «Ob Sie so fühlen wie ich, ist auch nur eine Theorie.» Niemand könne beweisen, dass ein Nadelstich bei allen sieben Milliarden Erdenbewohnern das gleiche Empfinden erzeuge. «Die Wissenschaft spricht sich so lange gegen Empfindungen bei Tieren aus, bis sie kaum noch zu leugnen sind. Würde man sicherheitshalber nicht besser andersherum argumentieren, um Tiere nicht unnötig zu quälen?»

Über die Intelligenz von Schweinen zum Beispiel sei schon so viel bekannt - in der Öffentlichkeit aber setze sich dieses Wissen nicht durch. «Ich vermute, es hängt mit der Verwendung von Schweinefleisch zusammen. Wenn jedem klar wäre, was für ein Wesen er da auf dem Teller hat, dann würde vielen der Appetit vergehen», ist Wohlleben überzeugt. «Wer von uns würde schon Affenfleisch essen?»

An anderer Stelle zitiert Wohlleben einen Experten der Universität Belfast: Abzustreiten, dass Krebse nur wegen ihres anderen Körperbaus keinen Schmerz zu empfinden vermögen, sei so, als zu behaupten, sie könnten nichts sehen, nur weil ihnen die menschentypische Sehrinde fehlt. Oft werde in Diskussionen zwischen bewussten und instinktiven Handlungen unterschieden, als ob instinktives Verhalten etwas minderwertiges sei, schreibt Wohlleben. Dabei spiele es auch beim Menschen eine lebenswichtige und nicht gering zu schätzende Rolle - etwa bei den Muttergefühlen nach der Geburt.

Wohlleben erzählt von einem Hahn, der seinen Hennen vorgaukelt, Futter entdeckt zu haben - um sie dann mit einem weiteren Paarungsversuch zu überraschen. Auch Kohlmeisen neigten zu Lügen zum eigenen Vorteil, etwa, wenn sie leckeres Futter entdeckten und mit einem grundlosen Warnruf für sich sicherten.

Auch auf biologische Grundlagen geht der Förster ein: Er führt aus, warum es seiner Ansicht nach sinnlos ist, Arten in Schädlinge und Nützlinge einzuteilen. Und er erklärt, warum keineswegs jedes Insekt wechselwarm und jedes Säugetier gleichwarm ist. Als Beispiele nennt er die Biene, die ihren Stock beheizt und den Igel, der im Winter eine Körperwärme analog zur Umgebungstemperatur hat.

Der Leser erfährt, warum es kontraproduktiv sein kann, Rehe und Hirsche im Winter zu füttern - wie von vielen Jägern praktiziert. Das Verdauen von Nahrung erfordere einen auf Hochtouren laufenden Stoffwechsel. Fresse der Hirsch angebotenes Futter, brauche er oft mehr Energie zum Verdauen als die Nahrung hergebe. In der Folge kämen vor allem ranghohe Tiere, die sich an der Raufe die besten Plätze sichern könnten, schlechter über den Winter.

Eine weit verbreitete Fehlannahme sei auch, dass Rehe, Hirsche und Wildschweine von Natur aus nachtaktiv seien. «Sind sie aber nicht, denn sie brauchen in regelmäßigen Abständen rund um die Uhr Nahrung.» Sie harrten tagsüber notgedrungen im Wald und in Gebüschen aus statt wie üblich auf Wiesen und entlang von Waldrändern zu äsen, um nicht einem Jäger vor die Flinte zu geraten. Anschaulich wird zudem erklärt, warum aus einem mit der Hand aufgezogenen Rehkitz ein gefährlicher Angreifer werden kann.

Wohlleben schreibt über offensichtlich großen Spaß empfindenden rodelnde Krähen, Treue im Tierreich, Trauer und Entwöhnung. Immer wieder zieht er Parallelen zu vermeintlich typisch menschlichen Verhaltensweisen. «Warum wird eigentlich von einigen Wissenschaftlern, vor allem jedoch Politikern wie jenen aus den Landwirtschaftsressorts noch so viel Widerstand geleistet, wenn es um die Glücks- und Leidensfähigkeit unserer Mitgeschöpfe geht?», fragt er.

Meist sei es die industrielle Tierhaltung, die durch preiswerte Haltungs- und Behandlungsmethoden geschont werden solle, ist Wohlleben überzeugt. Er beschäftigt sich in seinem Buch aber nicht nur mit zu wenig, sondern auch mit zu viel vermenschlichender Liebe zum Tier: «Sind die Tiere nicht bloß eine Projektions- und Reflexionsfläche für fehlenden Nachwuchs, für verstorbene Partner oder zu wenig Aufmerksamkeit der Mitmenschen?» Dass er sich mit solchen Sätzen nicht nur Freunde macht, ist dem Förster dabei durchaus klar: «Das Thema ist ein Minenfeld, das ich nur allzu gerne meiden würde.»

Wohllebens Gesamtfazit ist eindeutig: «Glück und Freude kann man auch ohne großes Grübeln empfinden, und genau das ist der Knackpunkt: Intelligenz ist für Emotionen zunächst völlig überflüssig.» Leidenschaftlich formuliert, wie es ist, mit seinen vielen anschaulichen Beispielen aus Alltag und Wissenschaft wird auch «Das Seelenleben der Tiere» eine immense Fangemeinde finden. Vorhersehbar sind auch die Reaktionen: Tierschützer werden das Buch loben - so mancher Verhaltensbiologe wird von der vermenschlichenden Wortwahl weniger begeistert sein. Klar ist jedenfalls: Der Rebell aus dem Wald hat erneut den Nerv der Zeit getroffen.

Peter Wohlleben, Das Seelenleben der Tiere, Ludwig Verlag, München, 2016, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-453-28082-3

Das Seelenleben der Tiere

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erstellt am 19.Jul.2016 | 14:08 Uhr

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