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Kultur

04. Dezember 2016 | 11:11 Uhr

Kunst : Neo Rauch zeigt Werke seines Vaters

vom

Neo Rauch steht dem Selbstbildnis seines Vaters gegenüber. Ein junger Mann von 19 Jahren blickt vom Holzschnitt zurück. Rauch hält sich an seinem Wasserglas fest und sagt: «Es will schon das Gefühl vermitteln, dass es sich um einem jungen Mann handelte, dem es nicht an Selbstbewusstsein mangelt.»

Der 56-Jährige staunt und sagt es auch. Rauch gräbt mit seiner neuen Ausstellung in Aschersleben, dem Ort seiner Kindheit, an den eigenen Wurzeln. Er zeigt erstmals Werke seines Vaters Hanno Rauch, der 1960 bei einem Zugunglück 21-jährig starb.

Neo Rauch war gerade einmal vier Wochen alt - er hat seinen Vater nie kennengelernt. Auch die Mutter wurde bei dem Unglück getötet. In Aschersleben in Sachsen-Anhalt wuchs Neo Rauch bei den Großeltern auf. Die Bilder des Vaters waren immer präsent, schlummerten zuletzt in einer Mappe in Rauchs Atelier.

Eine «Ausstellung am offenen Herzen» sei die Schau «Hanno & Neo Rauch - Vater und Sohn», sagt der Leipziger Künstler mit internationalem Renommee. Die Schau in der Grafikstiftung Neo Rauch wird am Samstag eröffnet und ist bis zum 30. April 2017 zu sehen. Eine Wand etwa ist eng gehängt mit Porträts der Mutter, die Rauchs Vater Hanno schuf. Oben links, das zweite, bunte, habe in seinem Kinderzimmer gehangen. Der kleine Neo Rauch blickte auf eine ernst und zurückhaltend blickende junge Frau, die auf einem Stuhl sitzt.

Rauch glaubt, dass sein Vater ein großer Künstler geworden wäre, hätte das Schicksal nicht mit so großer Wucht zugeschlagen. Warum entdeckt Neo Rauch, der wie sein Vater auch den Vornamen Hanno trägt, ihn erst jetzt? «Es nahm seinen Ursprung in einer Annäherung an meinen Vater, die in dem Moment erfolgte, als mein Sohn älter wurde als sein Großvater. Das war für mich auch Anlass, die Mappe noch einmal in Augenschein zu nehmen. Mein Vater rückte mir plötzlich sehr nahe.»

Er habe «Kontakt aufgenommen» und festgestellt, das sei ein «Kollege von Rang, der ein sehr starkes Talent war und dennoch natürlich sehr jung, und ich beschloss, das einfach ans Licht der Öffentlichkeit zu rufen und habe ihm eine Hommage beschert.» Hanno Rauch hatte ein Jahr vor seinem Tod ein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig begonnen.

Rund 200 Holzschnitte, Grafiken und Zeichnungen von Hanno Rauch sind erhalten, aus rund drei Jahren künstlerischen Schaffens. Neo Rauch wählte etwa 50 für die Ausstellung aus. Industriebauten sind zu sehen, Braunkohletagebaue, Bahnhöfe, viele Porträts. Erst im dritten Studienjahr hätte Hanno Rauch zum Pinsel gegriffen - so sah es die Ausbildung in Leipzig vor. «Es ist offenkundig, dass da ein großer Maler auf uns zugekommen wäre», sagt der Sohn.

In der Ausstellung habe er sich bewusst zurückgenommen, erzählt Rauch, der am Freitag im weißen Oberhemd mit hochgekrempelten Ärmeln und dunklen Jeans durch die Räume führt. Er schuf für die Ausstellung zwei große Papierarbeiten und 25 kleinformatige Zeichnungen. Auf einem Bild in Öl auf Papier liegt Rauch in fremder Gestalt in den Armen seines Vaters als kindgroßer Erwachsener. «Ich hatte mich zunächst selbst porträthaft eingefügt, das ging aber überhaupt nicht. Ich habe es wieder eliminiert. Es war lächerlich. Ich habe einen Stellvertreter gefunden», erklärt Rauch.

Mit Blick auf den Holzschnitt mit dem Selbstporträt des 19 Jahre alten Vaters, der in Sichtnähe hängt, sagt Rauch: «Ich glaube, ich war nur halb so selbstbewusst, wie diese Blätter es uns vermitteln. Jetzt bin ich vielleicht ein Viertel so selbstbewusst, es ist eine abnehmende Tendenz zu spüren.»

Infos Grafikstiftung Neo Rauch

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erstellt am 20.Mai.2016 | 17:11 Uhr

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