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Kultur

10. Dezember 2016 | 11:55 Uhr

Literatur : «Morgen mehr» - Tilman Rammstedt muss liefern

vom

Der Bildschirm ist leer, der Kopf auch. Vielleicht lieber Staub wischen oder ins Café gehen? Viele Schriftsteller kennen Schreibblockaden - auch der Berliner Tilman Rammstedt (41), Bachmann-Preisträger und Autor von Romanen wie «Der Kaiser von China».

Er hat sein neues Buch in drei Monaten als Fortsetzungsroman geschrieben und eingelesen. Veröffentlicht wurden die Kapitel im Internet und über Whatsapp. Ein viel beachtetes Experiment. Die Deadline jeden Werktag war Ansporn für Rammstedt.

Mehr als 2000 Abonnenten haben die Entstehung von «Morgen mehr» verfolgt und in den Selfies gesehen, was für Augenringe Rammstedt beim Schreiben bekam und wie zerrupft er manchmal aussah.

Die Leser-Buch-Bindung funktionierte: Es gab Tausende Kommentare, amüsant und spielerisch, ein Kontrast zur üblichen Netz-Häme. Das Buch in Häppchen, ein Morgenritual wie früher der Fortsetzungsroman in der Zeitung.

Der Hanser-Verleger Jo Lendle bearbeitete die frisch geschriebenen Kapitel in «Instantbüros» - auf der Herrentoilette eines Galadinners, im Fernbus oder auf dem Flughafen von Dubai.

Jetzt ist das digitale Experiment vorbei und der Roman mit Verspätung ganz klassisch im Handel erschienen. Das Buch kostet 20 Euro, das Abo für 8 Euro ist nicht mehr zu haben.

Die Geschichte spielt im Jahr 1972. Der Ich-Erzähler ist noch nicht geboren. Er hat ein Problem: Seine Eltern kennen sich noch nicht. Und die Lage ist ungünstig: Sein Vater wird mit einbetonierten Füßen in den Main geworfen, seine Mutter liegt mit einem Franzosen im Bett.

Handlung, so sagt Rammstedt, sei so etwas wie der natürliche Feind des Schreibens. Das ist natürlich Koketterie. Bis zum Showdown in Paris mit einem Schaf namens Marie-Antoinette passiert eine ganze Menge.

Rammstedt erzählt eine Mischung aus Schelmenroman und Roadmovie, eingefärbt mit Retro-Filter wie aus einem alten Fotoalbum. Es treten auf: Claudia, die große Liebe des Vaters. Ein Möchtegern-Unterwelt-König namens Dimitri, der eigentlich Uwe heißt. Drei Männer mit Pelz. Ein zwölf Jahre alter Junge, der merkwürdige Fragen stellt, und ein Hammer, der ein Interview gibt.

Klingt komisch? Ist es auch - und manchmal etwas angestrengt. Vom Stil her passt es zu Fans von Fernsehserien, die Cliffhanger mögen. Die Sätze sind wie gemacht für Lesebühnen: «Der Tag kroch weiter, staubig, grell und austauschbar, wie es nur in den 70er Jahren gelang.»

Melancholie schwingt mit. Die Mutter des Erzählers hat von ihrer toten Schwester Eva eine Liste fürs Leben geerbt, zum Abhaken. Etwa: «Einen Tag lang zu allem "ja" sagen», «Eine Eidechse fangen» oder «Im Supermarkt obszöne Zeichnungen auf Gemüse hinterlassen».

Nicht nur wegen solcher Einfälle oder weil die Story nach Frankreich führt, erinnert sie an den Film «Die fabelhafte Welt der Amélie». Man hört den Erzähler aus «Morgen mehr» schon förmlich von der Leinwand sprechen. Die Kommentatoren im Netz grübeln schon über eine Besetzung: Vielleicht Jella Haase und Matthias Brandt?

Was die literarische Qualität angeht, pendelt die Kritik zwischen «ziemlich genial» und «bravem Tischfeuerwerk». Beides stimmt.

- Tilman Rammstedt: Morgen mehr. Carl Hanser Verlag, München, 224 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-446-25096-3.

Rückblick Jo Lendle

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erstellt am 16.Aug.2016 | 10:33 Uhr

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