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Kultur

07. Dezember 2016 | 11:38 Uhr

Moralparabel und Krimi : Mordopfer im Netz per Abstimmung ausgewählt

vom

Einmal Herrscher über Leben und Tod sein und darüber mitentscheiden, wer ermordet wird. Und zwar anonym und ohne sich die Hände blutig zu machen. Dieses unmoralische Angebot führt im neuen Thriller von Ursula Poznanski und Arno Strobel zu spannenden Ermittlungen.

Berlin (dpa) – In einem Hamburger Industriegebiet wird die Leiche eines umstrittenen Rechtsanwalts gefunden. Der Mann wurde auf eine äußerst grausame Weise ermordet.

Hauptkommissar Daniel Buchholz von der Hamburger Kripo bekommt die Lösung des Falls aufgetragen, der schon bald für Schlagzeilen in den Online-Medien sorgt. Dabei hatte er eigentlich den Tag dafür vorgesehen, seine neue Kollegin kennenzulernen.

Das passiert dann nebenbei, denn der Fall am Beginn von «Anonym», dem neuen Thriller von Ursula Poznanski und Arno Strobel, besitzt eine besondere Brisanz. Schon bald wird deutlich, dass der Anwalt nicht einfach ermordet wurde. Sein Tod war das Ergebnis einer Abstimmung im Internet.

Ein Unbekannter, der sich Trajan nennt, hat ein Online-Portal namens Morituri – «die Todgeweihten» – ins Netz gestellt. Der Anwalt war einer von mehreren Kandidaten, die ohne genauere Identifizierung nur mit einer Kurzbeschreibung zur Abstimmung gestellt wurden. Jeder, der will, kann sich anonym auf dem Portal anmelden und darüber abstimmen, wen Trajan ermorden soll.

Kaum ist der erste Tote gefunden, da läuft schon die nächste Abstimmung. Buchholz und seine neue Kollegin Nina Salomon haben nur zwei Tage Zeit, um die Nominierten zu identifizieren und zu beschützen. Eine schier unmögliche Aufgabe, zumal sich herausstellt, dass die beiden große Schwierigkeiten haben, ein Team zu werden.

Wie bereits in ihrem ersten gemeinsamen Roman «fremd» setzen Ursula Poznanski und Arno Strobel auch in «anonym» auf das Stilmittel zweier Erzähler. Abwechselnd berichten Buchholz und Salomon von ihren Ermittlungen. So werden manche Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert und interpretiert, während andere Entwicklungen aus nur einem Blickwinkel dargestellt werden.

So werden auch die Unterschiede zwischen den beiden Hauptpersonen illustriert. Der gutbürgerliche, auf Äußerlichkeiten und Korrektheit viel Wert legende Buchholz bietet einen interessanten Kontrast zu der eigenwilligen und unkonventionellen Kollegin.

Kaum haben die Polizisten begonnen, Hintergründe zu dem ermordeten Anwalt zu recherchieren und zu versuchen, dem Betreiber des Portals Morituri näherzukommen, als eine neue Abstimmung sie schon wieder in andere Richtungen lenkt. Hilflos müssen die Ermittler zusehen, wie ein Mensch anonym als Mordopfer ausgewählt und getötet wird.

Immer weiter treibt der mysteriöse Trajan sein Spiel und immer weitere Kreise ziehen die Abstimmungen. An der nächsten Runde beteiligt sich schließlich ein Millionenpublikum. «Menschen tun die widerwärtigsten Dinge, wenn sie sich sicher wähnen», philosophiert einer der Beteiligten. «Wenn sie ihr Gesicht nicht zeigen müssen. Wenn sie anonym bleiben können.»

Aus der Frage, wozu Menschen gebracht werden können, wenn sie für ihre Taten nicht verantwortlich gemacht werden können, haben Poznanski und Strobel nicht nur eine Moralparabel gemacht, sondern vor allem auch einen hochspannenden Krimi.

Erst mitten in einem dramatischen Showdown, als ein Mord live im Internet übertragen werden soll, wird klar, wer die Menschen mit Hilfe der sozialen Medien so manipulieren konnte, dass sie ihren niedersten Instinkten freien Lauf lassen. Den Weg zur Identifizierung des Mannes im Hintergrund des Mordportals haben die beiden Autoren packend geschildert.

- Ursula Poznanski und Arno Strobel: anonym. Wunderlich Verlag, Reinbek bei Hamburg, 379 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-8052-5085-6.

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erstellt am 25.Okt.2016 | 11:16 Uhr

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