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Kultur

08. Dezember 2016 | 09:05 Uhr

Religion : Mit blankem Bajonett gegen betende Pilger

vom

Trommelwirbel. Die achte Kompanie des Rheinischen Infanterie-Regiments Nummer vier pflanzt die Bajonette auf. Eine große Menschenmenge kniet im fahlen Licht der Dämmerung vor den Soldaten auf dem Waldboden.

Ohrenbetäubend laut schallen Kirchenlieder und Gebete aus tausenden Mündern: «Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.» Die Menschen wollen den Wald nicht verlassen. Seit zehn Tagen soll hier im Marpinger Härtelwald immer wieder die Gottesmutter Maria erscheinen.

Einige Männer stehen auf, drohen den Soldaten. Manche verspotten sie oder versuchen zu beschwichtigen: «Wir sind doch auch Soldaten gewesen, ihr tut uns doch nichts.» Hauptmann Fragstein-Riemsdorff gibt den Befehl zum Vorrücken. Die Soldaten gehen auf die unbewaffnete Menge los. Treiben Männer, Frauen und Kinder mit Gewehrkolbenschlägen und Bajonettstichen aus dem Wald. 60 Zivilisten werden verletzt.

Vor dem 3. Juli 1876 war der kleine Ort Marpingen ein verschlafenes Nest am südlichsten Zipfel der preußischen Rheinprovinz, im heutigen Saarland. Doch an diesem Tag wurde das 1600-Seelen-Dorf zum Mittelpunkt einer preußischen Staatsaffäre. Der Grund: Drei achtjährige Mädchen aus Marpingen erzählten, ihnen sei beim Beerensammeln im nahen Härtelwald die Gottesmutter Maria erschienen.

«Ich bin die unbefleckt Empfangene. Ihr sollt beten und nicht sündigen», soll die Erscheinung den jungen Seherinnen gesagt haben. Nach einer sehr kurzen Phase der Skepsis glaubte den Mädchen bald das ganze Dorf. Der britische Historiker David Blackbourn hat in Archiven in ganz Deutschland zu den Ereignissen im Marpinger Wald geforscht und das Geschehen in seinem Buch «Marpingen: Das deutsche Lourdes in der Bismarckzeit» zusammengefasst.

Über ein Jahr lang soll den Kindern und bald auch erwachsenen «Visionären» die Mutter Gottes erschienen sein. Durch fahrende Händler und die Männer des Ortes, die zum Großteil in den Kohlerevieren des Saargebietes arbeiteten, verbreitete sich die Kunde von der Erscheinung schnell in der Region. Gerüchte über Wunderheilungen durch die Erscheinung und das Wasser der nahen Marienquelle machten die Runde. Pilgerströme machten sich auf nach Marpingen. Schon neun Tage nach der ersten Marienerscheinung pilgerten 20 000 Menschen in den kleinen Ort.

Der preußische Staatsapparat war außer sich. Hinter der Marienerscheinung witterten Beamte laut Blackbourn Betrug und schweren Landfriedensbruch. Ein Aufstand der Katholiken gegen den Staat wurde befürchtet. Die Armee wurde am 13. Juli gegen Marpingen und seine Erscheinungen in Gang gesetzt.

Hintergrund der heftigen Reaktion ist der sogenannte Kulturkampf zwischen dem Deutschen Kaiserreich und der katholischen Kirche. Es war ein Kampf der Ideologien. Liberale stritten mit der katholischen Kirche um das Verhältnis von Kirche und Staat. Der Klerus war starken Repressionen ausgesetzt, deutsche Katholiken fühlten sich gegängelt und unterdrückt. In Marpingen sahen die Gläubigen daher ein Zeichen der Erlösung in bedrängter Zeit, sagt Blackbourn.

Die Erscheinung selbst war in der damaligen Zeit nicht ungewöhnlich. «Marpingen reiht sich ein in eine Welle von Marienerscheinungen im 19. Jahrhundert», erklärt Bernhard Schneider, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Trier. «Ungewöhnlich war aber das Ausmaß an Gewalt, mit dem der preußische Staat auf die sogenannte Erscheinung in Marpingen reagierte», sagt Schneider.

Auch nach dem Armeeeinsatz kehrte in Marpingen keine Ruhe ein. Tausende Pilger aus ganz Europa, selbst der katholische Hochadel, kamen. Der Staat reagierte weiter mit Repression. Der Ortspfarrer, Anwohner, «Visionäre» und andere «Anstifter» der Erscheinungen wurden verhaftet. Die drei Mädchen, denen Maria zuerst erschienen sein soll, wurden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entführt und in eine Besserungsanstalt gebracht. Hunderte Dorfbewohner wurden verhört. Der Zugang zum Wald wurde verboten und von Polizisten bewacht.

Über Jahre blieb Marpingen in den Schlagzeilen. Die überzogenen Repressionen gegen den kleinen Ort führten sogar zu Diskussionen im preußischen Landtag. Unzählige Prozesse wurden wegen der Erscheinungen geführt. Die meisten endeten mit Niederlagen für den Staat. Erst Jahre später kehrte in Marpingen wieder Ruhe ein. Für mehr als 100 Jahre.

Dann ging es wieder los. 1999 lockten 13 weitere angebliche Marienerscheinungen erneut Zehntausende Menschen in die kleine saarländische Kommune. Auch heute noch pilgern viele Menschen in den Härtelwald. «Wir zählen rund 40 000 Pilger im Jahr», erzählt Werner Laub, Bürgermeister von Marpingen. Ein großer Wallfahrtsort wie Lourdes in Frankreich will der Ort aber nicht sein.

«83 Prozent der Bürger stimmten 1999 in einer Bürgerbefragung dagegen, dass unser Ort zu einem deutschen Lourdes werden soll», so Laub. Trotzdem ist er überzeugt, dass viele Marpinger sich auch heute noch stark mit den Erscheinungen vor 140 Jahren identifizieren: «Die Marienverehrungsstelle ist für viele nach wie vor ein spiritueller Ort.»

Aber ist die Gottesmutter Maria 1876 wirklich in Marpingen erschienen? Die drei Seherinnen von 1876 widerriefen später ihre Aussagen zu den Erscheinungen. Das Urteil der Kirche ist aber nicht ganz eindeutig. «2005 erklärte der damalige Trierer Bischof Reinhard Marx nach einer kanonischen Untersuchung per Dekret, dass nicht feststehe, dass den Ereignissen von Marpingen in den Jahren 1876 und 1999 ein übernatürlicher Charakter zukomme», erklärt Schneider, der von 1999 bis 2005 selbst Mitglied der bischöflichen Prüfkommision war, die sich mit den Marpinger Ereignissen befasste.

Gemeinde Marpingen

Marienverehrungsstätte Marpingen

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erstellt am 02.Jul.2016 | 12:24 Uhr

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