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Kultur

05. Dezember 2016 | 15:40 Uhr

Reformationstag : Martin Luther: Weltenstürzer, Hausfreund und Reformator der Widersprüche

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Er hebt die Welt aus den Angeln und gibt sich doch als kleiner Sünder: Martin Luther ist der verkörperte Kontrast.

„Nur wer in der Liebe zu einem unverwechselbaren Wesen ruht, hat die Kraft, im Streit der Welt zu bestehn.“ Ein kerniger, klarer Satz, der nach Martin Luther klingt, nach dem Mut des Reformators, nur seinem Gewissen zu folgen und es mit der ganzen Welt aufzunehmen. Diesen Satz hat allerdings nicht Luther gesagt, Wolf Biermann hat ihn in seiner gerade publizierten Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ aufgeschrieben.

Ein Zufall? Nein, Luther ist mehr als eine historische Figur, Luther hat eine Haltung der Widerständigkeit geprägt, die viele für typisch deutsch halten. Ob der widerborstige Liedermacher Wolf Biermann, die streitlustige Feministin Alice Schwarzer oder der angriffslustige Fußballtrainer Jürgen Klopp – Martin Luther scheint heute viele Nachfolger zu haben.

Figur von Playmobil

Der Historiker Heinz Schilling schreibt in seiner Biografie „Martin Luther – Rebell in einer Zeit des Umbruchs“, dass sich jede Generation anlässlich der Reformationsjubiläen ihren eigenen Luther geschaffen habe: „1617 am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges den kämpferischen Luther, 1717 in der Säkularität der Aufklärung eher den zahmen, weltoffenen Luther; 1817 und 1917 den nationalen Luther als Heros religiöser Tiefe der Deutschen. Mit der historischen Gestalt hatte all das nur noch wenig zu tun.“

Martin Luther im 50. Lebensjahr (1533), gemalt von Lucas Cranach dem Älteren, im Germanischen Nationalmuseum.
Martin Luther im 50. Lebensjahr (1533), gemalt von Lucas Cranach dem Älteren, im Germanischen Nationalmuseum. Foto: Daniel Karmann
 

Lucas Cranach hat Luther zu Lebzeiten auf seinem berühmten Porträt als feisten Kämpfer mit listigem Blick gemalt, die Designer von Playmobil reduzieren den Reformator heute auf eine Plastikfigur im Talar, mit Doktorhut und Schreibfeder. So sehr auch die Gestalt Luthers zu einem Signet ihrer selbst geronnen scheint – der Wittenberger Kämpfer für den neuen, in seinem Verständnis eigentlich alten Glauben hat als Weltenstürzer an der Zeitenwende, als fürsorglicher Hausvater, sprachgewaltiger Bibelübersetzer, als Erfinder von populären Kirchenliedern („Eine feste Burg ist unser Gott“) oder cholerischer Streithansel gleichermaßen beeindruckt und irritiert. „Meinen Deutschen bin ich geboren und ihnen will ich dienen“, schreibt er 1521 in einem Brief. Seitdem sind die Deutschen ihren Luther nicht mehr losgeworden.

Ein Mann macht Geschichte

Kein Wunder. Denn Luther hat vorgeführt, wie ein Mann Geschichte buchstäblich machen kann. Sicher, auch ein Luther hat Freunde und Helfer wie den Fürsten Friedrich den Weisen, der den Reformator beschützt, oder den Gelehrten Melanchthon, der seine reformatorische Lehre klug vermittelt. Und natürlich spürt selbst ein Luther nicht gleich, welch historische Zäsur er mit seinen 95 Thesen setzen wird. „Ich bin hindurch, ich bin hindurch“, jubelt er 1521, als er auf dem Wormser Reichstag vor Kaiser und Ständen alle Aufforderungen zum Widerruf von sich weist und standhaft bei seiner neuen Lehre bleibt. Das Mönchlein hat gesiegt.

Auf der Wartburg bei Eisenach wird zum 500. Reformationsjubiläum 2017 eine der drei zentralen Luther-Ausstellungen zu sehen sein. Mit Luther und der Reformation will Thüringen zukünftig mehr ausländische Touristen anlocken.
Auf der Wartburg bei Eisenach wird zum 500. Reformationsjubiläum 2017 eine der drei zentralen Luther-Ausstellungen zu sehen sein. Mit Luther und der Reformation will Thüringen zukünftig mehr ausländische Touristen anlocken. Foto: Martin Schutt

Wechsel im Politikstil

„Ein Gewissen aufrichten ist mehr, als hundert Reiche haben“, formuliert der Reformator in den „Tischreden“ das Prinzip seiner Energie und zugleich einen folgenreichen Wechsel im politischen Denkstil. Er stellt das Gewissen gegen die bloße Macht, den Durchsetzungswillen des Einzelnen gegen die Beharrungskraft des Systems. Widerstandskämpfer wie Wutbürger werden später in Luther ihr Vorbild finden, auch wenn ihnen das nicht immer bewusst sein mag.

Dabei steht selbst eine historische Figur von Kontur und Kraft eines Luther in ihrer Zeit. Soziale Verwerfungen, politische Krisen, Glaubensdispute, technische Neuerungen machen aus Luthers Lebenszeit einen einzigen Veränderungsstrudel. Der Reformator steht auf einem der großen Drehkreuze der Geschichte. Sein Vorteil: Er nimmt die Bewegung auf, verkörpert gleich mehrere jener Entwicklungstendenzen, die sich als folgenreich erweisen werden.

In der einen Person wird die Epoche lesbar. Aber Martin Luther lebt auch vor, wie man sich mitten in turbulenten Aufbrüchen treu bleiben kann. Der Reformator zwingt die Extreme geradezu in seiner eigenen Person zueinander: Hier der lebenspralle Renaissance-Mensch, der seine Epoche umgraben will und fast schon rüpelhaft bekundet, er sei derjenige, der „die ban brechen und zurichten muß“. Aber dort auch das zerknirschte Menschlein, das sich von Zeit und Gott schier überwältigt sieht: „Wir sind Narren und elende Pfuscher in unserem Tun und unserer Kunst.“

Hass auf Muslime und Juden

Ein komplizierter Charakter war der berühmte Theologe, und das ist, glaubt man den Quellen, noch freundlich umschrieben. Als Beleg taugt sicherlich Luthers Hass auf Muslime und die Juden. So empfiehlt er in seiner 1543 erschienenen Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“, dass „man ihre Synagoga oder Schulen mit Feuer anstecke“. Eine Empfehlung, die von den Nationalsozialisten in der Nacht zu Luthers Geburtstag, vom 9. auf den 10. November 1938, während der Novemberpogrome umgesetzt wird?

So nah uns Luther scheinen mag, so ist er doch der Repräsentant einer Zeit, die von Rassenwahn und Vernichtungskrieg nichts weiß. Von Luther führt kein direkter Weg zu Hitler. Allerdings steht der Reformator am Beginn einer Serie religiös motivierter Kriege. Und er stößt, gegen seine Absicht, jenen Prozess an, der in die verweltlichte Gesellschaft der Gegenwart führt. Luther will Religion mit neuer Unmittelbarkeit aufladen. Aber indem er sie zum Gegenstand des Disputes macht, relativiert er auch ihre absolute Geltung.

Der erste Medienstar

„Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir, Amen.“ Luthers berühmteste Worte kennt heute jeder, auch wenn Luther sie nie so ausgesprochen hat. In diesem Fall sind es die Lektoren in Luthers Wittenberger Druckwerkstatt, die seine Rede auf diesen Spruch verkürzen. Markige Zitate und kraftvolle Bildnisse lassen Luther zu einem Medienstar im modernen Sinn avancieren, der geschickt sein Image formt und doch an der Verantwortung verzweifelt.

Es wird „Größeres von mir erwartet, als ich leisten kann“, bekennt Luther. Schaffenseuphorie und Burn-out liegen bei ihm dicht beieinander. Aber sein Vorbild gibt Kraft bis heute – als personifizierter Neubeginn, als gelebte Umkehr, als verwirklichte Reform. In Martin Luther finden die Deutschen bis heute ihr Spiegelbild – mit all seinen Kontrasten.

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erstellt am 31.Okt.2016 | 09:47 Uhr

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