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Kultur

10. Dezember 2016 | 00:09 Uhr

England ist keine Option mehr : Mario Vargas Llosa: «Kultur ist zu Unterhaltung geworden»

vom

Ob es um Trump, die AfD, den Brexit oder Bob Dylan geht: Der peruanische Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa nimmt kein Blatt vor den Mund.

In seinem neuen Roman «Die Enthüllung» geht es um Machtmissbrauch und Korruption. Doch nicht nur in seinen Büchern prangert der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa Missstände an.

In einem Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht er über Populisten, Demagogen und Nationalisten - und über die Klatschpresse, als deren Opfer der 80-jährige Autor sich in seiner Wahlheimat Madrid auch selbst sieht, seit seine Beziehung mit Isabel Preysler (65), der Ex-Frau des Sängers Julio Iglesias, bekannt wurde.

Frage: Ihr neues Buch spielt während der Amtszeit des peruanischen Präsidenten Alberto Fujimori (1990-2000) und seines Geheimdienstchefs Vladimiro Montesinos. Warum haben Sie gerade diesen Zeitabschnitt gewählt?

Antwort: Was mich an dieser Zeit sehr beeindruckt hat, war die Art, wie die Diktatur die Schmierenpresse, die Sensationspresse, benutzt hat, um ihre Kritiker einzuschüchtern, um sie zu bestrafen, indem sie diese mit meist erfundenen oder aufgeblasenen Skandalen überzog. Das hat nicht nur für die Politik sehr negative Folgen gehabt, sondern auch für die Presse im Allgemeinen. Es hat eine Vorliebe für die Skandal-Nachrichten geschaffen, die die Intimsphäre der Menschen durchforschen und in ihr Privatleben eindringen.

Frage: Diese Invasion in das Privatleben, spüren Sie die jetzt auch?

Antwort: Ich fühle mich eher als Opfer. Unglücklicherweise ist das ein Phänomen, das ich am eigenen Leibe gespürt habe.

Frage: Was kann man dagegen tun?

Antwort: Das Problem ist, dass es sich nicht einfach lösen lässt, denn es ist eine Folge und nicht eine Ursache. Es ist eine Folge des kulturellen Lebens unserer Zeit. Die Kultur ist zu Unterhaltung geworden, zu Spaß. Und somit gibt es nichts Unterhaltsameres, als auf arglistige Weise das Privatleben bekannter Menschen zu durchforschen: Künstler, Politiker, Schriftsteller.

Frage: In Zeiten sozialer Netzwerke scheint das noch zuzunehmen.

Antwort: Ja, es ist sehr viel schlimmer. Diese große audiovisuelle Revolution hat zwar sehr positive Folgen gehabt. So ist es heute praktisch unmöglich, ein System der Zensur einzurichten. Negativ ist aber, dass die eigene Identität usurpiert werden kann, und leider habe ich dieses Phänomen selbst erlebt. (...) Mir sind mindestens drei erfundene Artikel zugeschrieben worden. Das ist skandalös.

Frage: Benutzen Sie selbst soziale Netzwerke?

Antwort: Nein. Ich benutze sie nicht und verfolge sie auch nicht. Ich habe absolut kein Interesse daran. Kein Interesse, mich an etwas zu beteiligen, was ich für eine sehr heruntergekommene Form der Kultur halte. Aber ich bin zugleich ein Opfer. Mir werden Dinge zugeschrieben, die ich nie gemacht habe, und ich habe keine Möglichkeit, mich zu wehren.

Frage: In den sozialen Netzwerken wurde viel über den Literaturnobelpreis für Bob Dylan diskutiert. Hat Sie die Entscheidung überrascht?

Antwort: Mich hat das sehr überrascht. Ich glaube, das ist Ausdruck der zunehmenden Frivolität der Kultur in unserer Zeit. Bob Dylan ist ein guter Sänger, aber er ist längst kein großer Schriftsteller. Es gibt viele Schriftsteller, die den Nobelpreis verdient hätten und beiseitegelassen worden sind. Aber dies ist die Zivilisation des Spektakels, und sie reicht inzwischen bis zur Schwedischen Akademie.

Frage: In Spanien wird es nach fast einem Jahr eine neue Regierung geben. Halten Sie eine Minderheitsregierung für machbar?

Antwort: Sagen wir, es wird eine schwache Regierung sein. Ich glaube, es wird eine kurze Regierung sein. Aber es gibt eine Wählerschaft, und die hat das Sagen. Die Wählerschaft sagt ganz klar, dass sie das Zweiparteiensystem satt hat. Dies bedeutet, dass man verhandeln muss und über gegenseitige Zugeständnisse Vereinbarungen trifft. Auch das ist Demokratie.

Frage: Vor dem Brexit-Referendum haben Sie gesagt, ein EU-Austritt wäre eine Katastrophe für Großbritannien und auch für Europa. Glauben Sie, die schlimmsten Befürchtungen werden wahr?

Antwort: Ich hätte nie gedacht, dass Großbritannien in die Hände von Demagogen und Populisten fallen könnte. Ich war in den Tagen vor dem Referendum in London - ich habe viele Jahre in England gelebt - und als ich im Fernsehen die widerlichste Demagogie und die unglaublichsten Lügen sah, erkannte ich das Land, in dem ich gelebt habe, nicht wieder.

Frage: Würden Sie sich in einem England, das nicht mehr zur EU gehört, weiter wohl fühlen?

Antwort: Nein. Ich würde in einem England außerhalb Europas, in einem nationalistischen Land, nicht leben. Ich glaube aber nicht, dass es geschehen wird. Es gibt in der Tat bereits eine sehr kritische Reflexion darüber, was passiert ist. Und irgendwie, mit dieser praktischen Seite, die die Engländer haben, werden sie auf diskrete Weise zurückrudern. Aber es ist ein interessanter Fall: Es bedeutet, dass kein Land vollständig geimpft ist gegen Demagogie, gegen Populismus und gegen das schlimmste Gesicht des Populismus, den Nationalismus.

Frage: Brexit, das Wiederaufkommen einer fremdenfeindlichen Rechten, Donald Trump - ist kein Land frei von Populismus?

Antwort: Trump ist ein Phänomen, das in gewisser Weise mit dem Brexit zu tun hat. Es ist ein Populismus, der die Frustration, das sinkende Lebensniveau und die Unsicherheit über den Arbeitsplatz benutzt, um Scheinlösungen zu präsentieren.

Frage: Halten Sie Trump für gefährlich?

Antwort: Für sehr gefährlich, denn er ist verantwortungslos, ganz klar verantwortungslos. Aber ich glaube, die Gefahr ist gebannt. Es hat zum Glück heftige Reaktionen gegeben, und alle Umfragen sagen, dass er keine Chance hat, die Wahlen zu gewinnen. Aber dennoch: Die Gefahr dadurch, dass er so viele Menschen für seine Kandidatur gewinnen konnte, ist ein Zeichen dafür, dass der Populismus die gebildetsten Länder erreichen kann.

Frage: In Deutschland gibt es die AfD.

Antwort: Die AfD ist ein weiteres Indiz dafür, dass es in einem Land, das so starke demokratische Wurzeln geschlagen zu haben schien, plötzlich einen solchen Rückgang geben kann.

ZUR PERSON: Mario Vargas Llosa leitete 1962 mit dem Roman «Die Stadt und die Hunde» den «Boom» lateinamerikanischer Literatur in der Welt ein, zu dem auch Gabriel García Márquez (Kolumbien), Carlos Fuentes (Mexiko) oder Julio Cortázar (Argentinien) beitrugen. Schon in den frühen Schaffensjahren lebte Vargas Llosa die meiste Zeit in Europa. 1990 zog er in Peru als Präsidentschaftskandidat in den Wahlkampf, unterlag aber Alberto Fujimori. 2010 erhielt der Autor, der auch die spanische Staatsbürgerschaft besitzt, den Literaturnobelpreis.

Verlagsinformation zu "Die Enthüllung"

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erstellt am 27.Okt.2016 | 11:25 Uhr

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