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Kultur

06. Dezember 2016 | 09:20 Uhr

Sänger und Songwriter : Literaturnobelpreis für Bob Dylan - Ehrung einer „Ikone“ oder ein „Späßken“?

vom

Die Schwedische Akademie verleiht den Literaturnobelpreis 2016 an Bob Dylan - für seine poetischen Neuschöpfungen.

Stockholm | Der US-amerikanische Sänger und Songwriter Bob Dylan (75) bekommt den Literaturnobelpreis. Er wird für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Song-Tradition geehrt, wie die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm bekanntgab. „Blowin' In The Wind“ und „Like A Rolling Stone“ gehören zu seinen berühmtesten Songs. Die Entscheidung ist eine Sensation - und umstritten: Während die Akademie den Amerikaner als Dichter und Ikone lobt, halten andere die Zuerkennung für einen Witz.

Rund 20 Jahre lang wurde Bob Dylan mit schöner Regelmäßigkeit für den Nobelpreis vorgeschlagen, doch stets ging der Dauerbrenner unter den Kandidaten leer aus. Zu gewagt erschien es offenkundig der Jury, einem Musiker - und sei es auch der berühmteste Songschreiber überhaupt - die höchste Literaturauszeichnung der Welt zuzuerkennen. Nun hat sie sich getraut. Diesmal haben die favorisierten Romanautoren und Dramatiker das Nachsehen.

„Er ist ein großartiger Dichter“, sagte die Chefin der Schwedischen Akademie, Sara Danius, nach der Bekanntgabe am Donnerstag in Stockholm. „Seit 45 Jahren erfindet er sich immer wieder neu.“ Dylan schreibe, um mit seinen Werken aufzutreten, erklärte die Jurorin. Nichts anderes habe der Dichter Homer vor einigen Jahrtausenden auch getan. Der Musiker habe „den Status einer Ikone“, begründete die Nobelpreisjury ihre Wahl. „Sein Einfluss auf die zeitgenössische Musik ist tiefgreifend.“

Der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck bezeichnete die Entscheidung der Akademie am Donnerstag dagegen als Witz: „Gelegentlich erlaubt sich die Akademie ein Späßken“, sagte der ARD-Moderator („Druckfrisch“) der Deutschen Presse-Agentur. „Die Auszeichnung von Bob Dylan ist genauso ein Witz wie es die von Dario Fo war. Am besten, man lacht mit.“ Der italienische Autor und Theater-Macher Dario Fo hatte den Preis 1997 erhalten. Er starb am Donnerstag im Alter von 90 Jahren in Mailand - ausgerechnet am Tag der Vergabe des Preises an Bob Dylan.

Von einigen Skeptikern abgesehen, dürften die meisten gut 50 Jahre nach Dylans Karrierestart anerkennen, dass der Autor von Folk-, Blues- und Rock-Lyrik wie „Masters Of War“, „Like A Rolling Stone“ oder „Visions Of Johanna“ ein würdiger Preisträger ist. Den Pulitzer-Preis für „lyrische Kompositionen von außerordentlicher poetischer Kraft“ hatte bereits.

Seinen Ruf als Revolutionär der Folk- und Rockmusik erwirbt sich Dylan schon Anfang der 60er Jahre, als er die Zeichen einer unruhigen Zeit richtig deutet. Seinen Start als Singer-Songwriter beschreibt er später in der literarisch anspruchsvollen Autobiografie „Chronicles“ (2004) so: „Amerika wandelte sich. Ich ahnte eine schicksalhafte Wendung voraus und schwamm einfach mit dem Strom der Veränderung.“

Der als Robert („Bobby“) Allen Zimmerman geborene junge Mann aus Duluth/Minnesota benennt sich vermutlich nach einem literarischen Idol um, dem walisischen Dichter Dylan Thomas. Der Erfolg stellt sich mit dem Song „Blowin' In The Wind“ (1963) ein. Wütende Lieder wie „Masters Of War“ oder „A Hard Rain's A-Gonna Fall“ qualifizieren Dylan für die weltweite Jugend- und Protestbewegung.

Danach mutiert er zum Rockmusiker mit elektrischer Gitarre, komponiert und textet Mitte, Ende der 60er Jahre Album- und Songklassiker in Serie. Seine mit Metaphern, Symbolen und Anspielungen durchsetzten Lyrics sind von beispielloser Qualität.

Nach wechselvollen, künstlerisch oft unbefriedigenden 70er und 80er Jahren kommt Dylans Rehabilitierung 1997 mit dem ersten großen Alterswerk „Time Out Of Mind“ - einer Platte voller düsterer, anspruchsvoller Texte, die zu seinen besten zählen. Seitdem hat er einen Lauf, setzt alle paar Jahre Ausrufezeichen wie „Modern Times“ (2006) oder das erneut von literarischen, geschichtlichen und biblischen Anspielungen wimmelnde „Tempest“ (2012). Rund 100 Millionen Tonträger soll Dylan inzwischen verkauft haben.

Seinem deutschen Biografen Heinrich Detering zufolge beziehen sich die Songtexte des Amerikaners „auf Dichtungen unterschiedlichster Zeitalter und Kulturen: von der Bibel und Homers „Odyssee“ über die Dichtungen der römischen Kaiserzeit (Ovid, Vergil, Juvenal), die mittelalterlichen Mysterienspiele und Shakespeares Dramen bis zur amerikanischen Romantik, den französischen „poètes maudits“ und dem Theater „Bertolt Brechts“. Und nicht zuletzt hebt der Literaturwissenschaftler die Geistesverwandtschaft Dylans mit „Beat-Poeten“ wie Jack Kerouac und Allen Ginsberg hervor.

Für Bob Dylan dürfte die Zuerkennung des Preises eine genauso große Überraschung gewesen sein wie für alle anderen. Die Jury habe vor der Verkündung am Donnerstagmittag nicht mit ihm gesprochen, sagte die Chefin der Schwedischen Akademie, Sara Danius, nach der Bekanntgabe Sie wollte ihn aber so schnell wie möglich anrufen. „Ich denke, ich habe eine gute Botschaft“, sagte Danius in Stockholm.

Im vergangenen Jahr hatte die Nobelpeis-Jury die weißrussische Schriftstellerin und Journalistin Swetlana Alexijewitsch „für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“, ausgezeichnet.

In diesem Jahr waren rund 220 Autoren für den Preis nominiert. Den Preisträger wählt die Schwedische Akademie, die aus Schriftstellern, Literatur- und Sprachwissenschaftlern und Historikern besteht, aus fünf Kandidaten auf einer Shortlist aus. Letzte deutschsprachige Preisträgerin war die Schriftstellerin Herta Müller 2009.

Wer bekam den Literaturnobelpreis in den vergangenen Jahren?

2016: Bob Dylan (USA) 2015: Swetlana Alexijewitsch (Weißrussland) 2014: Patrick Modiano (Frankreich) 2013: Alice Munro (Kanada) 2012: Mo Yan (China) 2011: Thomas Tranströmer (Schweden) 2010: Mario Vargas Llosa (Peru)

Die mit acht Millionen schwedischen Kronen (rund 830.000 Euro) dotierte Auszeichnung wird am 10. Dezember - dem Todestag des Preisstifters und Dynamit-Erfinders Alfred Nobel (1833-1896) - gemeinsam mit den anderen Nobelpreisen in Stockholm verliehen.

Nur der Friedensnobelpreis wird in Oslo überreicht. Damit hatte das norwegische Nobelkomitee in diesem Jahr Kolumbiens Präsidenten Juan Manuel Santos für seine Bemühungen um ein Ende des Bürgerkriegs in dem Land geehrt. Jurys in Stockholm hatten in der vergangenen Woche außerdem Preisträger in Medizin, Physik und Chemie gekürt. Die Preise gehen auf Nobels Testament zurück und werden seit 1901 vergeben.

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erstellt am 13.Okt.2016 | 15:34 Uhr

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