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Kultur

03. Dezember 2016 | 10:37 Uhr

A Song of Good and Evil : Lehren aus dem Völkermord: Justiz-Theater in Freiburg

vom

In einer Welt mit Konflikten und Kriegen stößt Gerechtigkeit an Grenzen. «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» sind schwer zu ahnden. Das zeigt ein Theaterprojekt in Freiburg - mit prominenter Besetzung.

Katja Riemann und August Zirner geben dem Stück Gesicht und Stimme. Auf der Bühne stehen die beiden Schauspieler gemeinsam mit dem britischen Menschenrechtsanwalt Philippe Sands. Das Theater machen sie zum Gerichtssaal.

Und zeichnen Ursprung und Entwicklung des vor rund 70 Jahren entstandenen Völkerstrafrechts nach. Sands musikalische Lesung mit Riemann und Zirner in tragenden Rollen wird erstmals in deutscher Sprache aufgeführt. Fragen nach Recht und Gerechtigkeit, nach Schuld und Sühne stehen im Mittelpunkt.

Ort der deutschsprachigen Uraufführung ist an diesem Freitag (25. November) das Theater Freiburg. «Es ist ein Stück, das sich an der Schnittstelle von Kultur und Justiz bewegt», sagt Hans-Jörg Albrecht, Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht.

Die Einrichtung mit Sitz in Freiburg ist dieses Jahr 50 Jahre alt. Und nimmt dies zum Anlass, grundsätzlich der Frage nachzugehen, wie «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» oder «Untaten im Namen des Staates» rechtlich verfolgt und geahndet werden können. Wie die Justiz mit Kriegsverbrechen, Völkermorden und anderen Formen von staatlich organisierter Massengewalt umgeht - und dabei an Grenzen stößt: «In einer Welt mit Konflikten und Kriegen ist dieses Thema hochaktuell.»

Sands, Professor für Internationales Recht in London, hat sieben Jahre zum Thema Genozid geforscht - und daraus für das Theater eine musikalische Lesung, eine multimediale Inszenierung gemacht. Sie trägt den Titel: «A Song of Good and Evil», übersetzt «Ein Lied von Gut und Böse». Das Stück erzählt die wahre Geschichte der Juristen Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Berater der Alliierten für die Bestrafung der grausamsten Verbrecher einsetzen. Und bei den Nürnberger Prozessen von 1945 bis 1949 Schlüsselrollen spielen.

«Doch das Völkerstrafrecht im heutigen Sinne mit Gesetzen, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Genozid ahnden, musste erst geschaffen werden», sagt Sands. Die Schicksale der beiden Juristen sind eng verwoben mit der Vita der dritten Hauptperson, des Angeklagten Hans Frank, ehemals Rechtsanwalt Adolf Hitlers, höchster Jurist im Nazi-Regime und später bekannt als der «Schlächter von Polen», erzählt Sands: «Neben ihrer persönlichen Lebensgeschichte und ihrem Beruf verbindet die drei Männer auf eigenartige Weise die Liebe zur gleichen, klassischen Musik.»

Die Nürnberger Prozesse bilden die Grundlagen des heutigen Völkerstrafrechts, Sands bringt sie ins Theater und spricht das Thema auch für ein Laienpublikum an. Uraufgeführt wurde das Stück 2014 in London, unter anderem mit Oscar-Preisträgerin Vanessa Redgrave. Vor einem Jahr wurde es in der geschichtsträchtigen Kulisse des Sitzungssaals 600 des Nürnberger Justizpalasts, dem Ort der Kriegsverbrecherprozesse, aufgeführt, in englischer Sprache. In deutscher Sprache kommt es nun erstmals auf die Bühne. Riemann, Zirner und Sands haben die Sprecherrollen. Dazu gibt es Musik von Bach, Beethoven, Rachmaninow, Paul Misraki und Leonard Cohen.

«Wir wollen diese Themen, die uns in der Wissenschaft bewegen, ein Stück weit in die Öffentlichkeit tragen, Verständnis schaffen und für sie sensibilisieren», sagt die Juristin Carolin Hillemanns vom Max-Planck-Institut. «Untaten im Namen des Staates» stünden im Mittelpunkt. Beispiele sind unter anderem der Holocaust, die Völkermorde in Burundi und Ruanda oder das Massaker von Srebrenica. Gewalttaten, die international schwer zu verfolgen sind und deren rechtliche Aufarbeitung langwierig ist. Denn schnelle und gerechte Strafen gebe es bei massenhaften Verbrechen nicht. Weitere Beispiele des Völkerstrafrechts sind der Umgang mit Unrechtsregimen nach deren Sturz wie im Irak, in Libyen oder Ägypten.

Für Riemann und Zirner ist das Projekt eine Herzensangelegenheit. Auf Gagen verzichten sie - und stellen sich in den Dienst einer juristischen und gesellschaftlichen Debatte. Das Stück soll zum Nachdenken bewegen, sagt Hillemanns. Die Frage sei, was Justiz und Politik lernten aus Völkermorden. Die juristische Verfolgung von Tätern, die sich massenhaft schuldig gemacht haben, sei das oberste Ziel. Auch wenn echte Gerechtigkeit und damit echte Entschädigung für die Opfer nach einem Genozid kaum erreicht werden könnten - zumindest nicht allein mit Strafprozessen.

Theaterprojekt

Theater Freiburg

Max-Planck-Institut

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erstellt am 24.Nov.2016 | 12:38 Uhr

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