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Kultur

10. Dezember 2016 | 19:40 Uhr

Literatur : Läuse, Kloaken, Hexerei: Reise in die Lutherzeit

vom

Luthers Leibspeise zeugte von seinem eher rustikalen Geschmack. Er mochte nämlich Erbsenbrei mit Brathering, eine für uns heute ziemlich eigenwillige Kombination.

Die Zubereitung dieses deftigen Essens war für Luthers Frau Käthe aufwändig. Sie musste die Erbsen über Nacht einweichen, dann kochen und salzen, anschließend auf einem Blech über dem Feuer dörren und vermahlen. Am Schluss wurden die Erbsen mit warmem Bier verrührt und mit Honig abgeschmeckt. Die Heringe wurden auf Holzspieße gesteckt, in Mehl und Öl gewälzt, über dem Feuer vorgegrillt und erst dann gebraten.

Bei Luthers aß man auf plumpen Tellern mit kurzstieligen Löffeln und Gabeln, die nur zwei Zinken hatten. Das Messer musste jeder Gast der großen Tischgesellschaft selber mitbringen.

Solche Alltagseinblicke sind die Stärken von Bruno Preisendörfers Buch über die Lutherzeit «Als unser Deutsch erfunden wurde». Er nimmt damit das Erfolgsrezept seines Vorgängerwerks über die Goethezeit («Als Deutschland noch nicht Deutschland war») wieder auf, das 2015 zu einem Überraschungsbestseller wurde. Die Mischung ist diesmal ähnlich: Sehr viel Alltags- und Sozialgeschichte, wenig politische Geschichte, viel über «Wollüsterey und Gattenliebe», Läuse und Kloaken oder die «deutsche Sauferei», wenig über Kaiser und Fürsten, Kriege und Machtspiele, das Ganze gespeist aus zahlreichen zeitgenössischen Quellen.

Es entsteht das Panorama eines Landes auf der Schwelle zur Neuzeit, das in vielem aber noch mittelalterlich war. Kolumbus hat bereits die neue Welt entdeckt, der Buchdruck ist erfunden, Kaufleute wie die Fugger operieren wenn nicht global, so doch europaweit. Und während der im Abstieg begriffene Adel auf Raubritterburgen ein oft erbärmliches Leben führt, findet das aufstrebende Bürgertum zu neuem Selbstbewusstsein.

Andererseits jedoch sind die Menschen in Glaube und Aberglaube gefangen, Himmel und Hölle sind Teil des Alltags, der Teufel, Zauberei und Hexerei gehören zur Wirklichkeit. Wenn das Buttern im Fass misslingt, ist der böse Blick der Nachbarin schuld. Das Tier bekommt Koliken, weil jemand eine Teufelssalbe an die Tür geschmiert hat. Wenn der Regen ausbleibt, war es die Wetterhexe. Selbst der Reformator Luther war von der Existenz des Teufels überzeugt. Dass Hexen für ihren «Schadenzauber» auf dem Scheiterhaufen büßen mussten, fand damals kaum jemand skandalös.

Glaube und Aberglaube waren auch deshalb so beherrschend, weil das Leben immer und überall gefährdet war. Neben kriegerischen Auseinandersetzungen («Bauernkrieg»), wüteten regelmäßig Seuchen wie die Pest oder der «Englische Schweiß». Frauen waren vor allem durch die Vielzahl der Geburten bedroht. Der Tod im Kindbett wurde als normal angesehen, wie auch Luther mit erstaunlicher Kälte schrieb: «Ob sie sich aber auch müde und zuletzt tottragen, das schadet nicht, lass sie sich nur tottragen, sie sind drum da.» Alles in allem hätten wir wohl wenig Lust, mit Luthers Zeitgenossen zu tauschen.

Preisendörfer gelingt es gut, das damalige Deutschland in seinen faszinierenden, aber auch abstoßenden Aspekten einzufangen. Der Lesbarkeit hätte es allerdings gut getan, wenn er die oft interessanten Originalzitate aus dem frühen Neuhochdeutsch - noch dazu oft im Regionaldialekt - ins heutige Deutsch übertragen hätte. Schon die Sprache der Goethezeit ist oft schwer verständlich, um wie viel mehr gilt das für das Deutsch der Reformationszeit, von dem uns 500 Jahre trennen. So werden sich manche Leser vielleicht abgeschreckt fühlen.

- Bruno Preisendörfer: Als unser Deutsch erfunden wurde. Reise in die Lutherzeit, Galiani Verlag, Berlin, 496 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 978-3-86971-126-3.

Als unser Deutsch erfunden wurde

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erstellt am 05.Jul.2016 | 13:00 Uhr

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