zur Navigation springen

Kultur

04. Dezember 2016 | 11:11 Uhr

Literatur : Kunst der Flucht: Salgado zeigt den «Exodus»

vom

Plötzlich, auf Seite 302, springt dem Betrachter ein Bild der Hoffnung ins Auge. Es zeigt eine brasilianische Familie - die Eltern, zwei Jungs und ein Mädchen. Gewaschen, gescheitelt und sauber gekleidet stehen die Fünf neben dem blitzblank gescheuerten Herd mit den blitzenden Kesseln und Töpfen.

Ernst, aber guten Mutes blicken sie in die Kamera. Die Familie steht beispielhaft für eine Erfolgsgeschichte im langen Kampf um eine Landreform in Brasilien, erläutert der Begleittext. Eine Genossenschaft habe ehemals landlosen Bauern ihren Platz in der Marktwirtschaft gegeben.

Das Foto der Familie aus der Stadt Dionísio Cerqueira ist eine Ausnahme. Rar sind die Aufnahmen in Sebastião Salgados (72) opulentem Fotobuch «Exodus», die ein wenig Optimismus verbreiten. Seite um Seite zeigt der Band hingegen Flüchtende, Elende, Hungernde, Sterbende und Tote. Manche Bilder sind schier unerträglich, lösen beim Betrachter spontan Beklemmungen aus.

Dabei sind die Bilder durchweg von hoher künstlerischer Qualität: Der kleine blonde Junge vor dem Zug nach Nirgendwo auf den Seiten 116/117 konzentriert das Flüchtlingsdrama im ehemaligen Jugoslawien eindrucksvoll in einer einzigen Aufnahme. Die ruandischen Waisenkinder auf Seite 195 - ein klassisches Thema, und doch ist das Foto in seiner Intensität kaum zu übertreffen. In vier Kapiteln erzählt das Buch vom Leben der Migranten, afrikanischen Tragödien, der Landflucht in Lateinamerika und den Megastädten Asiens.

Salgado, der seine Fotografen-Laufbahn 1973 in Paris begann, gelingt mit «Exodus» indes mehr als ein Lamento über den Lauf der Welt. Seine Aufnahmen schaffen Empathie mit den Benachteiligten auf dieser Erde. Und die Erläuterungen im 32 Seiten schmalen Begleitheft fördern das Verständnis der Konflikte, die der gut 430 Seiten schwere Band mit seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen ins Bild setzt. Das Werk erlaubt ein Staunen über diese, unsere Welt. Es zeugt auch von der Kraft des Lebens, erzählt von Mühsal und Arbeit, Hoffnung und Kindern.

Das ist alles nicht neu. Die Fotos in «Exodus» entstanden Anfang/Mitte der 1990er Jahre, erschienen sind sie schon im Jahr 2000 unter dem Titel «Migranten» im Verlag Zweitausendeins. Längst war dieser Band vergriffen, erläutert der Taschen-Verlag, der die Neuauflage besorgte. Die Schauplätze mögen sich seither verlagert haben, «doch das Phänomen bleibt das gleiche», schreibt Salgado in seinem Vorwort zur Neuausgabe.

Tatsächlich sind die Bilder des gebürtigen Brasilianers wohl aktueller denn je: Mit 65 Millionen Menschen hat die Zahl der Geflüchteten weltweit gerade einen neuen Rekord erreicht, wie das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen kürzlich feststellte. Salgado zeigt, wie das im einzelnen, konkreten Fall aussieht. Wer seine Fotos auf sich wirken lässt, wird sich - mindestens - drei Tage lang über nichts in seinem Leben mehr beklagen.

- Sebastião Salgado, Exodus, Taschen 2016, Hardcover mit Begleitheft, 432 Seiten, 49,99 Euro, ISBN 978-3-8365-6129-7.

Exodus

zur Startseite

von
erstellt am 05.Jul.2016 | 13:06 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert