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Kultur

05. Dezember 2016 | 19:43 Uhr

Sprachtherapie mal anders : Künstler sammelt «überflüssige Worte»

vom

Die einen geben Konferenz-Blaba ab, andere überflüssige Füllwörter, ungeliebte Spitznamen oder ihren Schnupfen. Dafür bekommen sie Brief und Siegel - und ein schönes, neues, unverbrauchtes Wort aus einer Fantasiesprache.

«Eigentlich» ist das verhassteste Wort der deutschen Sprache. In Dirk Hülstrunks «Büro für überflüssige Worte» wird kein Begriff so häufig symbolisch abgegeben wie dieses.

Noch bis zum Wochenende sammelt der Frankfurter Performancekünstler im Begleitprogramm der Buchmesse Worte ein, die Besucher am liebsten aus der deutschen Sprache verbannt sehen würden.

Ein Künstler aus dem ehemals günstigen, jetzt hippen Frankfurter Stadtteil Gallus gibt «Gentrifizierung» ab. «Ich kann's nicht mehr hören», sagt Michael Blöck und stempelt energisch in Neon-Pink das Wort «überflüssig» quer über sein persönliches Unwort. Karin Künstner, die Deutsch für Ausländer unterrichtet, schreibt «völkisch» auf ihre Karte - «weil ich das furchtbar finde, dass so Nazisprache wieder verwendet wird». Eine passionierte Feuilleton-Leserin stört sich an «konnotiert» - «weil es jeder ständig benutzt, sobald es ein bisschen intellektueller sein soll», sagt Irene Kessler-Stenger.

«Sie müssen unterschreiben», erklärt Hülstrunk seinen Kunden und heftet dann die Karte an die Pinnwand hinter seinem Schreibtisch. «Sale» hängt schon dort, «gefühlig», «Konsolidierungsbeitrag» und natürlich «eigentlich». Dann greift er in seinen Karteikasten und gibt den Kunden ein neues Wort für das abgegebene alte. «Flitapof» für Gentrifizierung, «Jizötisumidan» für völkisch und «foginänik» für konnotiert. «Und was bedeutet das?», fragt Karin Künstner verwirrt. «Nichts», sagt Hülstrunk, es sei ein Wort aus einer Fantasiesprache. «Sie können es mit einer neuen Bedeutung aufladen.»

Ein Schreibtisch und eine Topfpflanze, Stempel und Stempelkissen, eine Pinnwand, ein Karteikasten, fertig ist das mobile «Büro für überflüssige Worte». Zum ersten Mal hat Hülstrunk es im vergangenen Jahr auf einem Straßenkunst-Festival in Finnland aufgebaut. In Deutschland war er schon in einer Stadtbibliothek und bei der Industrie- und Handelskammer zu Gast. Nun ist seine sprachkritische Aktion Teil des offiziellen Buchmessen-Begleitprogramms «Open Books».

Als «Anlass, über Sprache ins Gespräch zu kommen» sieht der Songpoet, Autor, Schreibwerkstatt-Leiter und Poetry-Slam-Veranstalter seine Aktion. Er hofft, dass sein Büro auch «eine kleine sprach-therapeutische Wirkung» hat. Welche Worte abgegeben werden, hängt vor allem vom Ort ab, wo das Büro sich gerade befindet, und dem Personenkreis, der dort verkehrt. Teilnehmer von Kongressen gaben häufig Worthülsen wie «durchaus» ab. Senioren störten sich an dem flapsigen «Hallo». Sprachschüler hatten Probleme mit vielen Umlauten wie in «Frühstück». Schüler bringen Schimpfwörter oder verhasste Spitznamen wie «Schätzchen».

Auch Bürokratie-Monster wie «Bundesdurchschnittskostensatz» werden gern abgegeben. «Überraschend» findet Hülstrunk, dass - anders als er es erwartete - kaum Anglizismen abgegeben werden. Häufig gehe es um persönliche Befindlichkeiten, sagt Hülstrunk - manchmal habe das Abgeben ungeliebter Worte aber auch einen «sprachmagischen Aspekt: Die Leute denken, wenn das Wort weg ist, ist auch die Sache aus der Welt.» Sie geben dann «Krieg» ab oder ihren «Schnupfen».

Dirk Hülstrunk

Open Books

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erstellt am 20.Okt.2016 | 11:51 Uhr

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