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Kultur

03. Dezember 2016 | 18:45 Uhr

Literatur : Krimi-Experten: Der Schweden-Boom flaut ab

vom

Jahrelang waren Krimis aus Schweden Garanten für einen Platz ganz vorne in den deutschen Bestsellerlisten. Doch Krimi-Experten glauben: Diese Zeiten sind vorbei.

Die Plätze ganz vorne auf den deutschen Bestsellerlisten waren jahrelang oft fest in schwedischer Hand: Henning Mankells Krimis landeten auf den Spitzenrängen, ebenso die von Håkan Nesser und natürlich Stieg Larssons Millennium-Trilogie.

Die großen schwedischen Krimi-Autoren lösten einen wahren Hype aus - doch der ist nach Ansicht von Krimi-Experten inzwischen vorbei. «Der Schweden-Boom flaut langsam ab», sagt Andreas Hoh, Leiter des Münchner Krimifestivals. «Die ganz Großen produzieren keine neuen Krimis mehr.» Ein ganz Großer des Schweden-Krimis, Henning Mankell, starb im vergangenen Jahr an Krebs. Stieg Larsson ist schon seit 12 Jahren tot und Nesser schreibe schon länger nichts Neues mehr, sagt Hoh. «Der Boom hat wahnsinnig viele Nachahmer zur Folge gehabt und die haben an die Qualität der großen schwedischen Autoren nicht mehr rangereicht.»

«Der große Hype ist vorbei», sagt auch Michael Roesler-Graichen, Redakteur beim Fachmagazin «Börsenblatt». «In der aktuellen Bestsellerliste findet sich unter den Top 25 - bis auf den posthum erschienenen Roman von Henning Mankell - kein skandinavischer Krimiautor.» Aber: «Ganz zu Ende ist es nicht. Skandinavische Autoren werden nach wie vor viel gelesen und es kommen auch nach wie vor viele neue Krimis aus Schweden, Norwegen und Dänemark auf den deutschen Markt. Das geht auf etwas niedrigerem Niveau weiter, aber an die Stelle der bekannten Größen sind andere getreten.»

Französische und italienische Krimi-Autoren nennt er da neben denen aus Deutschland - und vor allem Schriftsteller aus Großbritannien und den USA.

Inzwischen liegen nordamerikanische Autorinnen wie Karin Slaughter, Tess Gerritsen und auch wieder Joy Fielding («Lauf, Jane, lauf!») im Trend - «die blutrünstigen Frauen», wie Festivalleiter Hoh sagt. «Krimis aus Übersee haben wieder eine kleine Renaissance.»

Blutrünstige Autoren aus Deutschland tun sich nach Angaben Hohs allerdings etwas schwerer. «Da gibt es schon welche, die auch sehr brutale Krimis schreiben. Sebastian Fitzek ist das beste Beispiel», sagt er. Aber: «Grausamkeiten sollen lieber nicht hier passieren, sondern weit weg. Vor der Haustür möchte man dann lieber die skurrilen Ermittler-Persönlichkeiten aus dem ein oder anderen Regionalkrimi.»

44 Prozent der Menschen in Deutschland haben nach Angaben des Börsenvereins des deutschen Buchhandels im vergangenen Jahr mindestens einen Krimi gelesen. 2008 waren es noch 50 Prozent. Vor allem Frauen im Alter zwischen 50 und 59 Jahren greifen zum Kriminalroman. 7 Prozent der Deutschen haben 2015 sogar mehr als zehn Krimis gelesen. Nach Angaben des Börsenvereins ist das Geschäft mit der Spannung seit Jahren relativ stabil. Ein Viertel des Umsatzes im Bereich Belletristik wird demnach mit Spannungsliteratur gemacht.

Für Roesler-Graichen vom «Börsenblatt» zeichnet sich noch ein anderer Trend ab: Krimis aus Urlaubsregionen von der französischen Küste über den Lago Maggiore bis hin zur liebsten Urlaubsinsel der Deutschen: Mallorca. «Es gibt eine Welle von französischen Küstenkrimis», sagt er. «Die neuen Regionalkrimis spielen an den Urlaubszielen der Deutschen.»

Auch das Programm des Krimifestivals, das an diesem Samstag mit einer Lesung des Münchner «Tatort»-Kommissars und Neu-Krimiautors Miroslav Nemec («Die Toten von der Falkneralm») beginnt, wird von den neuen Trends geprägt. Schriftsteller aus Deutschland, den USA, Kanada, Großbritannien, Island und der Türkei werden aus ihren Büchern lesen - und nur zwei Schweden. Arne Dahl wird kommen und der schwedische Shooting-Star Jonas Jonasson - auch wenn seine Bücher eigentlich eher dem Humorfach zugerechnet werden als dem Krimi-Genre.

Krimifestival München

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erstellt am 07.Sep.2016 | 11:46 Uhr

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