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Kultur

06. Dezember 2016 | 17:05 Uhr

Historie trifft Fiktion : Krachts «Die Toten» - Faszination des Grauens

vom

Hollywood gegen Kaiserreich: Christian Krachts neuer Roman «Die Toten» beschäftigt sich mit den Anfängen der Filmindustrie und der Kollision der Kulturen. Dabei verbünden sich Japan und Deutschland gegen die USA. Damit die Figuren ihre Ziele erreichen, geht es nicht ganz unblutig zu.

 Ein Offizier rammt sich ein Kampfmesser in den Bauch, er zieht die Klinge durch das Fleisch, das «kirschrote Blut» spritzt in einer Blutfontäne an die Wand. Der Mann verendet mit verdrehten Augen, deren Weiß sich «im Unendlichen» verliert, während im Hintergrund eine Kamera rattert, die keinen blutigen Moment verpasst.

Mit der Schilderung des grausamen Selbstmordes eines japanischen Soldaten beginnt Christian Krachts fünfter Roman «Die Toten». Nachfolger des Erfolgs «Imperium» (2012) - dem zuletzt erschienen Buch über den Aussteiger August Engelhardt, ein Früh-Hippie der deutschen Kaiserzeit, der sich auf einer Südseeinsel zum König eines Kokosnuss-Kults kürt, die mit der Coca-Colaisierung der entlegenen Insel endet - was rückblickend als ein Ausblick auf das neue Werk gedeutet werden kann.  

Zum ersten Mal überhaupt erzählt Kracht (49) eine Geschichte aus zwei Blickwinkeln. «Die Toten» spielt zur Zeit von Hitlers Machtergreifung, während Japan seine militärische Stärke in Südostasien ausbaut. Das anbahnende Bündnis der Achsenmächte erzählt Kracht aus der Perspektive zweier Figuren: Masahiko Amakasu, einem Vertreter des japanischen Kulturministeriums, und Emil Nägeli, einem Schweizer Regisseur. Um dem gemeinsamen Feind, dem «US-amerikanischen Kulturimperialismus», entgegenzutreten, schmiedet Amakasu den Plan eine «zelluloidene Achse zu bauen zwischen Tokio und Berlin».

Mit den überlegenen Waffen ihrer Kulturen - den deutschen Regisseuren, den «exzellenten Carl-Zeiss-Objektiven und dem allem überlegenen Agfa-Filmverfahren» - sollen die beiden Länder verbrüdert in den Kampf gegen die US-amerikanische Filmindustrie ziehen. Propaganda wird genehmigt, um die Großmachtsfantasie auf der Leinwand umzusetzen. Doch die Auswahl deutscher Filmemacher ist rar, Koryphäen wie Fritz Lang und Karl Freund haben sich ins Exil geflüchtet und so kommt Nägeli zum Zuge, ein Regisseur, über dessen einzigen beachteten Film sich sagen lässt, dass er «innerhalb der Ereignislosigkeit das Heilige» aufgezeigt habe. Zwei Männer aus zwei Welten, die als versinnbildlichte Vertreter ihrer Kulturen im Laufe der Geschichte wegen einer gemeinsamen Liebschaft kollidieren.

Auch stilistisch knüpft Kracht an «Imperium» an: Die Sprache zieht selbstverliebt Pirouetten, ausladende Sätze fließen von Zeile über Zeile: Ein «bauchiges Glas Mineralwasser opalisierte still auf dem Nachttisch», neben der Herrentoilette ist das «schwere und zuckrige Bouquet von Exkrementen» zu vernehmen und bei einem Autounfall regnete es «kaleidoskopisch Glas, und Blut quoll wie Gelee aus ihrem Mund».

Ein Roman von Christian Kracht ist jedesmal wie ein Besuch im Antiquitätenladen: die Schaustücke sind aus der Zeit gefallen, sie dienen keinem Zweck außer sich selbst und sind deswegen so faszinierend. Und wenn es die Faszination des Grauens ist.

Die Handlung der «Toten» wird unterbrochen von Rückblicken in die Kindheit der Charaktere. Diese funktionieren wie psychologische Erklärmuster, die das Verhalten der Figuren offenlegen. Masahiko Amakasu als gemobbtes Kind im verhassten Internat, welches er schließlich mit einem Feuer dem Erdboden gleichmacht. Auf der anderen Seite die Schläge von Emils Vater, seine Tante, die mit einem Rasiermesser ihrem Leben ein Ende bereitet, der geliebte Hase, dem das Fell abgezogen wird. «In manchen Augenblicken konnte er nicht mehr schlucken, wenn er sich die Unbarmherzigkeit und die Grausamkeit seiner Familie vor Augen führte», heißt es über Emil.

Wie bei E.T.A. Hoffmann entgleiten die teils alptraumhaften Episoden in eine Zwischenwelt, in der Wirklichkeit und Phantasie im Nebel des Grauens miteinander verschwimmen. Die zahlreichen Handlungsbrüche und die Roman-Struktur, die dem dreiteiligen Aufbau des japanischen Nō-Theaters folgt, verlangen dem Leser diesmal mehr ab als sonst. 

Wer sich von mörderischen Passagen in den «Toten» nicht abschrecken lässt - sogar Charlie Chaplin wirft einen Widersacher von der Reling -, entdeckt eine Leseebene mit aktuellem Bezug: der Medienkonsument als Voyeur, als Mittäter der dokumentierten Gewalt. Es liege in der Verantwortung des Lesers, diese Teile eben nicht zu lesen, sagte Kracht in der ARD-Literatursendung «Druckfrisch». Ein Wissenschaftler schrieb einmal über Kracht, der durch den Poproman «Faserland» 1995 bekannt geworden ist: «Fragen der Moral scheinen an Christian Krachts Texten abzuperlen wie Wassertropfen an der gewachsten Oberfläche einer Barbour-Jacke.» Gerade sein neuer Roman veranschaulicht hingegen, wie weit er sich von der Popliteratur entfernt hat.

"Druckfrisch"-Interview mit Christian Kracht

Kiwi-Verlag

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erstellt am 13.Sep.2016 | 14:43 Uhr

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