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Kultur

09. Dezember 2016 | 12:40 Uhr

Literatur : Keine Schonkost: «Die Vegetarierin» von Han Kang

vom

Eine junge Ehefrau beschließt, kein Fleisch mehr zu essen und löst mit dieser Entscheidung eine Familientragödie aus. Die Südkoreanerin Han Kang landete mit ihrem abgründigen Roman einen internationalen Bestseller.

Das war schon eine Sensation: Vor drei Monaten gewann die im westlichen Literaturbetrieb nahezu unbekannte Südkoreanerin Han Kang für ihren Roman «Die Vegetarierin» den renommierten britischen Man Booker Prize.

In ihrem Heimatland war die beklemmende Geschichte einer Frau, die eines Tages beschließt, kein Fleisch mehr zu essen, schon 2007 erschienen. Nun liegt das dreiteilige Familiendrama auch in deutscher Übersetzung vor.

In Südkorea ist die 1970 geborene Han Kang längst eine etablierte Autorin, die Gedichte, Erzählungen und Romane veröffentlicht hat und derzeit als Dozentin für kreatives Schreiben am Kulturinstitut in Seoul arbeitet. Jetzt hat der internationale Ruhm sie mit Verspätung ereilt, die Kritiker feiern «Die Vegetarierin» bereits als bahnbrechende Lektüre.

Han Kang entfaltet in einer betont nüchternen Sprache das Drama der jungen Ehefrau Yong-Hye, die von einem Tag auf den anderen alle tierischen Produkte aus ihrem Leben verbannt und damit auf tiefes Unverständnis bei ihrem Ehemann stößt. Yong-Hye wird von Alpträumen heimgesucht, gibt sich immer verschlossener und abweisender. Dabei scheint sie nicht unglücklich zu sein.

Die Entfremdung kulminiert bei einer Familienfeier, als ihr Vater, ein Vietamkriegs-Veteran, der Tochter mit Gewalt ein Stück Fleisch in den Mund presst, worauf diese sich mit einem Messer am Handgelenk verletzt und einen Zusammenbruch erleidet. Ein wenig plakativ wirkt die Konfrontation schon: Fleischfressender männlicher Aggressor versus vegetativ-weibliches Prinzip. Aber der Roman entwickelt gerade in seinem lakonisch knappen Tonfall einen Sog, dem man sich schwerlich entziehen kann.

Der erste Teil wird aus der Perspektive von Yong-Hyes verständnislosem Ehemann erzählt, dann kommt ihr Schwager, ein Videokünstler, zu Wort. Der fühlt sich zu der immer weiter abmagernden Yong-Hye körperlich hingezogen. Er überredet die Vegetarierin, sich von ihm mit Blumen und Gewächsen bemalen zu lassen, und sich auch so filmen zu lassen. Es kommt zum Eklat, Yong-Hyes Schwester entdeckt die Videoaufnahmen, der Künstler will sich vom Balkon stürzen, aber ihm fehlt der Mut zum Selbstmord.

Der traurige Epilog zu diesem Drama spielt ein paar Jahre später in der Psychiatrie, wo Yong-Hye fast ohne Nahrungsaufnahme dahinvegetiert - im wahrsten Sinn des Wortes. Sie möchte eine Pflanze sein oder ein Baum, der frei im Wald steht. Sie ist fast ganz verstummt, aber ein Satz von ihr bleibt in Erinnerung: «Ich glaube, alle Bäume der Welt sind Geschwister». Ihre eigene Familie ist längst in alle Winde zerstreut, aber in Gesellschaft von Pflanzen und Bäumen fühlt sie sich wohl.

Han Kangs düster-poetischer Roman ergeht sich keineswegs in naiver «Zurück zur Natur»-Schwärmerei, sondern entfaltet mit kafkaesker Konsequenz den durchaus pathologischen Fall einer Frau, die aus allen Zusammenhängen fällt. Diesen freien Fall lesend mitzuerleben, ist eine großartige Erfahrung.

- Han Kang, Die Vegetarierin. Aufbau-Verlag, Berlin, 190 Seiten, 18,95 Euro, ISBN 978-3-351-03653-9.

Webseite von Han Kang

Aufbau Verlag

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erstellt am 06.Sep.2016 | 14:43 Uhr

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