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Kultur

10. Dezember 2016 | 23:25 Uhr

Kunst : Kein Chaos in der Küche, sondern Kunst

vom

Das liebe Essen ist immer ein Thema. Die meisten Menschen kochen und essen, um satt zu werden. Arpad Dobriban verfolgt eine andere Strategie - und macht daraus eine Kunst für sich.

Ein rauchiger Duft liegt in der Luft - doch nirgendwo brät, kocht oder schwelt etwas. Die Quelle des Geruchs ist der Kleiderständer in der Mitte des hohen, fast leeren Raumes. Oder besser gesagt, das Stück, was dort an zwei Haken am Kleiderständer herabhängt.

Es sieht aus wie ein braun marmoriertes, asymmetrisch geschnittenes Abendkleid mit hauchdünnen Spaghettiträgern. Aber es ist kein Kleid, sondern ein Stück geräucherter Speck aus Ungarn. Es ist eines dieser besonderen Produkte in Arpad Dobribans Werkstatt, die sich der Künstler in einer ehemaligen Bar im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf aufgebaut hat. Dort wird er in den nächsten vier Monaten Museumsbesuchern Speisen kredenzen, die zum Nachdenken anregen sollen.

«Es geht nicht darum, satt zu werden, sondern zu verstehen, was passiert», sagt der 59-Jährige, der ein Meisterschüler des Videokünstlers Nam June Paik war und sich dann doch für das Kochen als künstlerisches Medium entschieden hat. Zehn Flüchtlinge aus Ländern wie Guinea und Mali werden den Wahl-Düsseldorfer bei seiner Arbeit unterstützen.

In seiner Werkstatt, die eher einem minimalistischen Labor gleicht, hat Dobriban auf einer rein-weißen Tischdecke hauchdünn geschnittenen Speck drapiert. Zudem sind vier akkurat aufgestellte Gläser Honig - mal heller, mal dunkler, mal fester, mal flüssiger - und ein Stück Ziegenkäse mit Probiergläschen und Besteck positioniert. Es sind allesamt Produkte von einem kleinen Stück Land in Kacsard in Ungarn.

Auch Dobriban stammt aus Ungarn, aus Komlo. Anhand dieser Grundzutaten zeigt er, was er mit seiner Koch-Kunst sagen will: «Ich möchte erfahrbar machen, dass all die Dinge, die wir tun, wenn wir Lebensmittel herstellen, vom allerersten bis zum letzten Handgriff, einen Einfluss auf Geschmack haben.»

Keine Videos, keine Deko, keine Lichteffekte, außer einem an der Wand hängenden Papierfetzen, das er sein Manifest nennt, und einem Schild mit der Aufschrift «Wartesystem7», dem Titel seines Koch-Projektes. Dobriban macht keine Show, alles ist etwas unspektakulär, die Produkte stehen für sich. Und hinter jedem steckt eine Geschichte.

Das Stück Speck, von einem ungarischen Schwein, geschlachtet im Dezember, weil es im Sommer keine Kühlung gibt, brauchte drei Monate, bis es fertig war. Alles hat seine Zeit und braucht seine Zeit. Deshalb auch der Titel «Wartesystem7».

Manche Speisen warten auf den Gast, auf andere muss der Gast warten. Manche Zutaten, wie der Speck, brauchen Monate, bis sie fertig sind oder es gibt sie nur zu bestimmten Jahreszeiten, wie den Akazienhonig im Mai und den Wildblütenhonig im Juni. Den Ziegenkäse gibt es im August, weil die Tiere dann Milch geben.

«Dauernd kommt die Frage auf: Was gibt es zu essen? Dann muss man sehen, was da ist», sagt er selbstverständlich - er ist in Ungarn mit Selbstgemachtem aufgewachsen. Dobriban richtet sein System nach der Natur aus und beschreibt die Transformation künstlerisch, aber nicht hektisch, nicht wie ein Koch, der mit seinen Zutaten herumwirbelt. Er ist Künstler, darauf legt er Wert.

Das Kochen als Kunstform lernte er bei dem Künstler und Professor Peter Kubelka in Frankfurt. 1987 hatte er dann seine erste Veranstaltung. Eine Koch-Show ist es nicht, die kommt erst im Mund und im Kopf - vielleicht - wenn sich die Geschmäcker der Grundzutaten im Mund vermischen und sie Einen auf die Reise der Nahrungsmittel mitnehmen: bis zu dem Schwein, was auf dem Land in Kacsard noch im letzten Jahr vor sich hingegrunzt hat und den Bienen, die dort ihre Arbeit tun.

Plötzlich kann man das schmecken, worüber man nachdenkt, während man den Speck, den Honig und den Käse genüsslich auf der Zunge zergehen lässt. Der Prozess steht im Vordergrund. Der Geschmack ist das Ergebnis. «All das macht uns klar, wie wir handeln müssten, wenn wir uns auf das einlassen, was uns die Natur, wovon wir ein Teil sind, vorgibt», sagt Dobriban.

Information Stiftung Kunstsammlung

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erstellt am 10.Sep.2016 | 15:52 Uhr

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