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Kultur

30. September 2016 | 13:44 Uhr

Roman über wahre Tierliebe : Judith Kerr liest aus neuem Kinderbuch

vom

Mit 93 Jahren weiß Judith Kerr noch immer, welche Geschichten ihr als Kind besonders gefallen haben. Eine davon hat sie nun als Buch veröffentlicht – und ein trauriges Ende in ein glückliches verwandelt.

Am Anfang war ein ausgestopfter Seehund. Judith Kerr bewunderte das Tier als Kind stets im Arbeitszimmer ihres Vaters in London.

Als alte Frau schrieb sie auf, was es mit dem ungewöhnlichen Requisit auf sich hatte – und unternimmt einige entscheidende Änderungen. Denn aus eigentlich traurigen Geschichten macht die Illustratorin und Autorin mühelos schöne. Heraus kam «Ein Seehund für Herrn Albert», Kerrs neuestes Kinderbuch.

«Alles, was ich schreibe, ist immer ein bisschen autobiographisch», sagt die mittlerweile 93-Jährige. Sie ist in ihrer alten Heimat Berlin zu Besuch und spricht beim Internationalen Literaturfestival mit Kindern über ihre Flucht vor den Nazis und ihre Liebe zum Zeichnen. Rüstig und elegant wirkt sie in ihrem pinken Kleid. Und obwohl sie schon seit Jahrzehnten in London lebt, geht ihre Muttersprache ihr flüssig über die Lippen – nur das ein oder andere «l» klingt weich und britisch.

Schon in ihrem in Deutschland bekanntesten Roman «Als Hitler das rosa Kaninchen stahl» zeigte Judith Kerr, dass sie Trauriges unterhaltsam aufschreiben kann. In der autobiographischen Geschichte beschreibt sie aus Kinderperspektive die Flucht ihrer jüdischen Familie aus Nazi-Deutschland. Gerade noch rechtzeitig konnten die Kerrs 1933 fliehen, über die Schweiz kamen sie nach Paris und schließlich 1935 nach London.

Wie es gewesen sei, als Flüchtling in immer wieder neuen Ländern ankommen zu müssen, fragt ein Schüler. «Herrlich», antwortet Kerr. Ihr Bruder Michael und sie hätten die Zeit aufregend gefunden. Wie schlimm es für ihre Eltern war, hätten sie erst viel später verstanden.

«Ein Seehund für Herrn Albert» nun greift eine der Geschichten auf, die ihr Vater Alfred Kerr, der bekannte Theaterkritiker und Schriftsteller, ihr stets erzählte: die Geschichte über den Seehund, den er früher für kurze Zeit auf dem Balkon gehalten hatte. «Das ist nicht gut ausgegangen, der Seehund war zu klein», erzählt Kerr. Er habe das angebotene Futter nicht vertragen und musste eingeschläfert werden. Ihre Geschichte dagegen sollte gut ausgehen.

In dem angenehm altmodisch daherkommenden Büchlein mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen der Autorin wird der Vater zu dem etwas einsamen Herrn Albert. Nach dem Verkauf seines Kiosks weiß der nicht so recht, was er mit seiner freien Zeit anfangen soll. Doch schon bald handelt er sich eine unverhoffte neue Aufgabe ein: In einer spontanen Anwandlung von Großmut adoptiert er ein verwaistes Seehundjunges und bringt es zu sich nach Hause in die Wohnung - vorbei am tierhassenden Pförtner.

Wahlweise auf dem Balkon oder in einer Blechwanne hält er das Tier, spielt mit ihm und schließt es mehr und mehr ins Herz. Ganz nebenbei kommt er dem hilfsbereiten Fräulein Millicent näher. Doch bald müssen die beiden sich mit geeinten Kräften an die Lösung von allerlei Problemen machen. So viel sei verraten: Das Tier endet nicht als ausgestopfter Wohnzimmerschmuck.

Diesen positiven Blick auf die Welt hat Judith Kerr vielleicht von ihrem Vater geerbt, der doch als jüdischer Kritiker Hitlers viel erdulden musste. «Er ging immer umher und schaute sich alles an und fand die Welt sehr schön», sagt die alte Dame. «Das ist sie auch – meistens.»

- Judith Kerr: Ein Seehund für Herrn Albert. Verlag Sauerländer, 112 S., 12 Euro, ISBN 978-3-7373-5445-5.

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erstellt am 15.Sep.2016 | 14:49 Uhr

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