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Kultur

28. März 2017 | 02:31 Uhr

«Ein treuer Freund» : Jostein Gaarder über die Einsamkeit

vom

Jakop ist ein Sonderling mit einer seltsamen Leidenschaft. Er liebt Beerdigungen. Denn dort findet er endlich den ersehnten Familienanschluss.

Seit seinem Besteller «Sofies Welt» vor nunmehr 26 Jahren gilt der Norweger Jostein Gaarder (64) als Spezialist für philosophische Fragen, die er leicht verständlich in Romanform aufbereitet. In seinen Büchern spielen meist Kinder eine Hauptrolle.

Der neue Roman «Ein treuer Freund» ist jedoch anders: Protagonist ist ein schon in die Jahre gekommener Lehrer und Sprachforscher und philosophische Fragen werden eher am Rande gestreift.

Gaarder legt hier vor allem eine psychologische Studie vor, das Porträt eines ebenso eigenwilligen wie liebenswerten Außenseiters, der auf höchst fantasievolle Weise seiner Einsamkeit zu entfliehen sucht. Schon immer war Jakop Einzelgänger. Abgesehen von einer flüchtigen und nicht sehr glücklich verlaufenen Ehe hat er stets allein gelebt.

Doch so ganz stimmt das gar nicht. Denn es gibt immerhin einen Freund: Pelle. Nur hat es mit Pelle eine besondere Bewandtnis. Er ist eine Art Alter Ego, eine zweite geistreiche, fröhliche Stimme, die sich oft vorlaut und penetrant bemerkbar macht.

Jakops große Leidenschaft ist die Erforschung der indogermanischen Sprachen. Diese weit verästelte Sprachfamilie ersetzt ihm in gewisser Weise die in der Realität nicht vorhandene Verwandtschaft: «Ich habe keine lebenden Kinder oder Enkelkinder und keine lebenden Geschwister oder Eltern, aber ich habe lebende Wörter in meinem Mund, und ich kann deutlich sehen, dass es von Verwandten dieser Wörter von Island bis Sri Lanka überall im indogermanischen Sprachraum nur so wimmelt. Ich gehöre also einer Sprachfamilie an, der ich mich stark verbunden fühle. Hier haben meine Wörter ihre Großeltern, Urgroßeltern und Ururgroßeltern, ihre Tanten und Onkel, ihre Vettern und Kusinen ersten, zweiten und dritten Grades.»

Entsprechend verliert sich Jakop immer wieder in ausschweifende etymologische Exkurse. Seine zweite große Leidenschaft ist der Besuch von Begräbnissen, auf die er sich undercover einschleicht. Die Informationen hierzu entnimmt er öffentlichen Traueranzeigen und dem Internet. Am liebsten sind ihm große Trauerfamilien, als «Ersatz für mein fehlendes Familienleben».

So bekommt er Zugang zur Sippe des verstorbenen Universitätsprofessors Erik Lundin, den er als Student nur flüchtig kannte, aber zu dem er sich jetzt eine tiefergehende Beziehung zusammenfantasiert. Jakops kunstvoll beim Leichenschmaus ersponnene Lügengeschichten, wahre Münchhausiaden, sind der eigentliche Clou dieses Romans, der in Form eines großen Geständnisses aufbereitet ist. Andressiert ist diese Beichte an Agnes, die Jakop bei einer Beerdigung kennenlernt und in die er sich verliebt. Sie durchschaut sein Lügenspiel schnell, ist davon aber keinesfalls abgestoßen, sondern mehr und mehr fasziniert. Kann sie Jakop erlösen?

Gaarders Roman ist eine große Versuchsanordnung zum Thema Einsamkeit. In einem Spiel mit Identitäten, Aufspaltung der Persönlichkeit und Erfindung von Fantasiewelten schafft es Jakop, seine Isolation zu überwinden. Das Buch ist dabei wie ein Überraschungspaket, Schicht um Schicht wird die Wahrheit enthüllt und der Held kunstvoll entlarvt. Dabei bereitet es durchaus Vergnügen, sich von Jakops Märchen verführen zu lassen. Störend sind allenfalls die ausufernden akademischen Abschweifungen und die überladene Symbolik der Pelle-Figur.

- Jostein Gaarder: Ein treuer Freund, Hanser Verlag, München, 270 Seiten, 22,00 Euro ISBN 978-3-446-25443-5.

Ein treuer Freund

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erstellt am 14.Mär.2017 | 12:13 Uhr

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