zur Navigation springen

Kultur

09. Dezember 2016 | 14:38 Uhr

Europas Sturz in die Hölle : Ian Kershaw zeichnet das Panorama einer Epoche

vom

Millionen Tote, Zerstörung und Wiederaufstieg - im 20. Jahrhundert ging Europa durch die Hölle. Der britische Historiker Ian Kershaw beschreibt diese Epoche in einer atemberaubenden Chronologie.

Wenn in 50, 100 Jahren Historiker auf Europa blicken - was werden sie sehen? Welches Bild wird sich den Menschen bieten, wenn sie das 20. Jahrhundert aus der zeitlichen Distanz betrachten, wie wir heute etwa auf die Französische Revolution schauen?

Der Historiker Ian Kershaw (73) hat schon jetzt auf die Geschichte des Kontinents wie durch ein Fernglas geblickt.

Zwei Weltkriege, eine von Extremen erschütterte Zwischenkriegszeit, die totale Zerstörung und der Wiederaufstieg aus den Aschen - in seinem neuen Buch «Höllensturz» zeichnet der Brite das atemberaubende Panorama einer Epoche mit der Detailliebe des Wissenschaftlers und der empathischen Teilnahme des Zeitgenossen nach.

Mit seiner zweibändigen Biografie Adolf Hitlers hat Kershaw schon ein Schlüsselwerk zum Verständnis des Nationalsozialismus vorgelegt, 2011 beschrieb er in «Das Ende» den Untergang des «Dritten Reichs». Jetzt weitet der inzwischen emeritierte Professor der Universität Sheffield seinen Fokus.

Gleich zu Beginn warnt Kershaw die Leser vor allzu hohen Erwartungen an neue Erkenntnisse und verweist auf die Detailarbeit von Kollegen. Doch mit seinem Gesamtblick auf den «Dreißigjährigen Krieg des 20. Jahrhunderts» leistet Kershaw einen originären Beitrag zum Verständnis einer Epoche. Der Niedergang Europas im Faschismus und Nationalsozialismus und der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, das macht Kershaw deutlich, lassen sich ohne eine Darstellung der Ereignisse in den 30 Jahren zuvor nicht verstehen.

Er geht chronologisch vor, betrachtet nicht nur die Hauptakteure des Ersten und Zweiten Weltkriegs, sondern auch die Nebenschauplätze. Das Aufkommen autoritärer Regierungen etwa in Polen oder Rumänien, der Aufstieg Mussolinis in Italien oder der Sieg des Faschisten Franco im Spanischen Bürgerkrieg versteht Kershaw auch als Vorboten der kommenden Katastrophe.

Dabei hatte das Jahrhundert so vielversprechend begonnen. Eine Ära der Stabilität schien anzubrechen. Die Pariser Bourgeoisie feierte sich in der «Belle Époque», Berlin strotzte vor Innovationskraft, die Briten ernteten die Früchte von Kapitalismus und Kolonialismus. Zwar forderten die sozialistischen Bewegungen eine Teilhabe am Reichtum. Doch sie rüttelten nicht an den Grundfesten des Systems.

Es ist aber auch die Zeit, in der sich Antisemitismus und Eugenik, völkische Gesinnung und Nationalismus als neue ideologische Triebkräfte andeuten. Diese Tiefenströmungen werden nach Ende des Ersten Weltkriegs und der Niederlage Deutschlands ihre ganze zerstörerische Kraft entfalten. Modernität und Rückschritt, das macht Kershaw deutlich, liegen in Europa gefährlich nahe.

Aber nein, nicht «hineingeschlittert» sei Europa in den Ersten Weltkrieg, wie es der britische Premierminister David Lloyd George behauptete. Kershaw deutet hier einen Dissens mit seinem Kollegen Christopher Clark und seiner These der europäischen «Schlafwandler» an. Hauptauslöser des Krieges sei das Streben der Deutschen nach einem Platz im europäischen Machtgefüge gewesen, die Hörigkeit des Kaisers gegenüber dem Militär. Für das Erreichen seiner außenpolitischen Ziele habe Berlin den Krieg billigend in Kauf genommen.

Dieser Krieg verändert Europa von der Wurzel an. Zwar schweigen 1918 die Waffen, aber: «Die Abrechnung sollte bald beginnen.» Denn was da kommt, ist kein Frieden. «Es ist ein Waffenstillstand auf zwanzig Jahre», wie der oberste französische Kommandant, Marschall Ferdinand Foch, hellsichtig ahnt.

Aus dem Krieg kommen verkrüppelte und seelisch beschädigte Männer nach Hause. Das Gemetzel an der Front macht viele Überlebende zu Pazifisten, andere werden radikalisiert. Vor allem in Deutschland. Etwa ein Viertel der Zehntausenden deutschen Offiziere, die 1918 heimkehren, treten den paramilitärischen Freikorps-Einheiten bei und legen damit die Saat für den Nationalsozialismus. Gleichzeitig erweist sich der Versailler Vertrag als Falle. Viele Deutsche wollen nicht anerkennen, dass sie militärisch geschlagen sind, obwohl ihrer Land weitgehend unzerstört bleibt. Deutschland ist hilflos und verwundet, «verwundet wie ein Riese».

Doch falls die Europäer dachten, der Erste Krieg sei die Hölle auf Erden gewesen, so müssen sie lernen, dass es noch schlimmer kommen würde. Allein in Europa sterben von 1939 bis 1945 fast 50 Millionen Menschen, mehr als viermal soviele wie im Ersten Weltkrieg. Allein 25 Millionen Tote beklagt die Sowjetunion.

Europa war 30 Jahre lang entschlossen, sich zu zerstören. Mit dem zweiten Frieden blicken die Europäer fassungslos zurück, erst langsam erkennen sie das Ausmaß der Vernichtung. In dieser Erkenntnis wird der Grundstein für eine bessere zweite Hälfte gelegt. Am Ende erweist sich Kershaws Blick in den Abgrund als Plädoyer gegen den «Brexit».

- Ian Kershaw: Höllensturz - Europa 1914 bis 1949, Deutsche Verlags-Anstalt, 764 Seiten, Euro 34,99, ISBN 978-3-421-04722-9.

Höllensturz

zur Startseite

von
erstellt am 08.Nov.2016 | 15:24 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert