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Serienjunkies SH : „House of Cards“ ist „viel mehr als Politik“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Welche Serien lohnen sich? Ein Kulturjournalist und ein Medienwissenschaftler im Gespräch über Qualitätsserien.

Streaming wird immer beliebter. Doch welche Angebote lohnen sich? Welche Serie hat das Potenzial zum Serienmarathon? An dieser Stelle präsentieren zwei Serien-Junkies verschiedene Programme: der Kulturjournalist und Filmemacher Sven Bohde und der Medienwissenschaftler Prof. Tobias Hochscherf (Fachhochschule Kiel/Europa-Universität Flensburg). Neben der Vorstellung einzelner Serien geht es auch um Begriffe, Hintergründe und Kuriositäten. Wir freuen uns über Anregungen und Kommentare per Twitter an @SerienjunkiesSH.

Die US-amerikanische Serie „House of Cards“ hat die Unterhaltungsindustrie aufgemischt. Ein Gespräch über ihren Erfolg.

Sven Bohde: „House of Cards“ ist eine der ersten Serien, die von einem Streaming-Dienst produziert wurden. Und das auch noch sehr erfolgreich.

Tobias Hochscherf: Das ist schon sehr überraschend. Früher wollten Filmschauspieler erst zum Fernsehen, als die Karriere schon fast vorbei war. Heute reißt sich jeder darum, auch bei Streaming-Diensten im Online-Bereich tätig zu sein, weil die mittlerweile ein großes Prestige haben. So spielen heute viele Hollywood-Stars in den Serien der Onlineanbieter mit und das hat ihrer Karriere keinesfalls geschadet – ganz im Gegenteil, sie sind erfolgreich wie nie.

„House of Cards“: Darum geht's

Ganz gleich, welche Befürchtungen und Ängste man der Politik auch immer entgegen gebracht haben mag, in der Netflix-Serie „House of Cards“ werden sie alle bestätigt. Im Zentrum der Serie steht ein politisch-ambitioniertes Ehepaar: der Kongressabgeordnete der Demokraten, Francis Underwood, gespielt von Kevin Spacey, und dessen Frau Claire, gespielt von Robin Wright. Ganz im Sinne Machiavellis verfolgen die Beiden mit Raffinesse und Rücksichtslosigkeit ihre Ziele. „House of Cards“ ist somit eine Serie über die kompromisslose Ausnutzung von Macht. Die Underwoods sind Strippenzieher im Zentrum der Macht – meisterhaft, hinterhältig, charismatisch und skrupellos. Moral und Anstand beachten sie dabei ebenso wenig wie Gesetze und Vereinbarungen.

Der neue Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat Underwood einiges zu verdanken, denn ohne Franks Schützenhilfe im Wahlkampf wäre Garrett Walker (Michael Gill) nie an Macht gekommen. Ursprünglich sollte dabei für Underwood der Posten des Außenministers rausspringen. So war es verabredet. Aus heiterem Himmel ändert Walker jedoch seine Pläne und übergeht Underwood bei der Besetzung seines Kabinetts. Das hätte er lieber nicht tun sollen, denn Frank und seine Frau sind weitaus gefährlichere Gegenspieler als die politische Opposition...

 

Bohde: Das scheint daran zu liegen, dass Streaming-Dienste immer häufiger von den Zuschauern abonniert werden. Millionen Menschen nutzen das Angebot, weil es den Vorteil hat, sein eigener Programmchef zu sein. Man kann Serien dann sehen, wenn man sie sehen möchte. Wenn man etwas verpasst hat, kann man alles nachträglich anschauen. Und das alles sogar ohne Werbung. Ich werde heute oft von Kollegen und im Freundeskreis auf neue Serien angesprochen, die ich vorher nicht kannte und dann gleich mal probeweise ansehen kann.

 

Hochscherf: Ich glaube auch, dass Menschen selbst entscheiden wollen, wann, wie und auch worauf sie etwas gucken wollen. Die Unterhaltung ist nicht mehr von einem Empfangsgerät abhängig. Man kann neben dem internetfähigen Fernsehgerät auch auf dem Tablet oder Smartphone eine Serie verfolgen. Es sind immer weniger Menschen bereit, ihren Tagesablauf nach dem Fernsehen auszurichten, wie es früher mehr der Fall war. Das Fernsehprogramm, bei dem andere vorgeben, wann ich etwas gucken kann, ist ein Phänomen aus der Zeit vor dem Internet. Die Zeit der Fernsehereignisse ist abgesehen von großen Sportereignissen und Reality-Shows eigentlich vorbei.

Bohde: Stichwort Entscheidungen. Bei „House of Cards“ treffen wir auf einen Entscheidungsträger: Frank Underwood. Es geht um Politik, um Macht. Kevin Spacey spielt ein hohes Tier in Washington. Da hat sich Netflix gleich einen interessanten Stoff für die erste eigene Serie ausgesucht, die als Remake einer BBC-Serie aus den 90er Jahren entstanden ist.

Hochscherf: Ich habe mich gewundert, wie ambitioniert das ist. Man hätte ja als erste Eigenproduktion mit einer Comedy-Serie anfangen können, oder mit beliebten Genres wie Horror oder Fantasy. Nein, man hat hier etwas gewählt, das unglaublich schwierig erscheint: Politik in Washington mit Verwicklungen im Weißen Haus. Die Serie fasziniert. Ich war sofort gefesselt und konnte kaum fassen, wie gut sie gemacht ist, wie hochwertig. Vor allem haben mich Frank und Claire Underwood von Anfang an fassungslos gemacht: wie strategisch, gemein und skrupellos man sein kann!

 

Bohde: Es geht um Intrigen, das ist immer interessant. Bemerkenswert ist auch, dass Frank Underwood sich während der Handlung immer wieder zum Publikum wendet und es anspricht. Dann erklärt er, was er macht. So konsequent habe ich dies im Fernsehen noch nie gesehen. Frank macht deutlich, wie das politische System funktioniert. Dieses „Beiseitesprechen“ ist ein interessantes Stilmittel, das Nähe zum Zuschauer erzeugt.

Hintergrund: Das „Beiseitesprechen“

Bei „House of Cards“ wird das Stilmittel des Beiseitesprechens verwendet. Der Hauptdarsteller, und  wirklich nur er, wendet sich direkt an den Zuschauer. Diese Praxis kennt man seit dem Theater in der Antike. Das Beiseitesprechen ist eines der Verfahren, mit denen die sogenannte vierte Wand – die Grenze zwischen Bühne oder Leinwand und Zuschauerraum – übersprungen werden kann.  Im Fall von „House of Cards“ ist das Beiseitesprechen vor allem Teil einer Spannungsstrategie.

Hochscherf: Das kennt man ja auch aus dem Theater: Wenn ein Schauspieler sich zum Publikum hindreht, fühlt man sofort eine Art der Verbindung. Das Interessante an dieser Serie ist, dass man ja alles, was die Underwoods machen, aus moralischer Sicht ablehnen kann, aber gleichzeitig mit ihnen fühlt, weil man so viel Privates und Berufliches über sie weiß, darunter viele Geheimnisse. Es ist so als wären sie Teil der eigenen Familie. Deshalb sind wir ständig in einem Dilemma: Auf der einen Seite sind uns die beiden nah und wir fühlen Empathie, doch auf der anderen Seite sagen wir, das was sie machen, ist einfach unfassbar schlimm. Ich weiß nicht, wie Dir das gegangen ist: Frank ist so bösartig, dass man gar nicht glauben kann, dass es solche Menschen gibt. Aber durch Berichte über Skandale und Fake-News wird uns vor Augen geführt, dass die Politik manchmal ein Haifischbecken ist.

 

Bohde: Ein Kritiker meinte mal, dass die Serie nicht der Realität entspräche. Aber wenn man sich die aktuelle Entwicklung in den USA anschaut, möchte man sagen, dass „House of Cards“ realistischer ist, als das, was im Moment in Washington passiert.

Hochscherf: Es geht ja auch um die Rolle von politischem Journalismus und PR im Internetzeitalter. Ich finde, es prallen Welten aufeinander: Zum einen gibt es in der fiktionalen Welt der Serie etablierte Traditionszeitungen, zum anderen junge Journalisten, die sagen, wir bräuchten keine zwei Quellen, die Information müsse so schnell wie möglich online gehen. Gerüchte streuen bringt kurzfristig Klickzahlen, nicht die ausgiebige Recherche. Hat Dich das auch fasziniert, dass es um viel mehr geht als um Politik, sondern auch um die Zukunft von Journalismus, Meinungsbildung und Demokratie im Allgemeinen?

Bohde: Auf jeden Fall. Sofort zeigte sich ja auch, dass Politik und Journalismus zusammengehören. Das eine geht nicht ohne das andere. Die Politik braucht den Journalismus, und der Journalismus die Politik. Man lebt voneinander, im wahrsten Sinne des Wortes. Ja, es gibt die klassischen Medien, die sehr viel Macht als vierte Gewalt haben. Aber daneben etabliert sich die Blogger-Szene, die experimentiert, und übt immer mehr Macht aus. Und am Ende fragt man sich, wer hat eigentlich mehr Macht: die Politik oder der Journalismus. Wer braucht wen mehr?

Hochscherf: Und insofern geht die Serie viel weiter. Vieles ist weit weg von der Regional- oder Lokalpolitik. Aber vielleicht entwickeln wir uns dahin. Und das sind natürlich so erschreckende wie interessante Gedankenspiele. Was so eine Welt bedeuten würde, kann man im fernen Washington durchspielen. Mit allen Konsequenzen, die es auch für uns hier in Deutschland hat. Dank der Streaming-Dienste können wir das Ganze fassungslos fasziniert auf dem Sofa, eingekuschelt im Bett, im Flugzeug oder im Zug sehen. Man kann alles aus der Distanz betrachten und trotzdem ist alles irgendwie real.

„House of Cards“ in Kürze - wer darf sie nicht verpassen?

Für wen? Für alle, die einen Blick hinter die Kulissen der amerikanischen Politik werfen wollen und vielleicht schon „Borgen“, „Das Kanzleramt“ oder „The West Wing“ gesehen haben.
Warum? Keine Serie zeigt die düsteren Verwicklungen politischer Ränkespiele mit so viel Stil und Hingabe.
Brauche ich Vorwissen?

 

Nein, man muss ja auch nicht Medizin studiert haben, um Krankenhausserien wie „Emergency Room“ oder „Dr. House“ verstehen zu können!

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erstellt am 30.Jan.2017 | 13:35 Uhr

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