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Kultur

09. Dezember 2016 | 20:33 Uhr

Literatur : Historisches Scheitern: «Die neue Odyssee»

vom

Am 28. April 2015 nähert sich Haschem dem Land seiner Träume. Schon bald wird er in Schweden sein. Als der syrische Flüchtling mitten in der Nacht mit dem Zug in Malmö ankommt, kann er kaum glauben, dass er tatsächlich am Ziel ist.

Hinter ihm liegt ein dreijähriges Martyrium: mehrere Gefängnisaufenthalte in Syrien, eine gefährliche Flucht mit seiner Familie nach Ägypten, schließlich allein eine noch gefährlichere Überfahrt in einem wackeligen Boot nach Italien, eine Eisenbahnfahrt quer durch Europa, immer in der Angst vor Entdeckung und Zurückweisung. Dazwischen zahlreiche Demütigungen und Schikanen, das Gefühl von Ausgeliefertsein und absoluter Schutzlosigkeit.

Der britische Journalist Patrick Kingsley hat Haschem al-Souki auf seiner jahrelangen Irrfahrt begleitet. Die Flucht des Syrers ist der rote Faden in seinem Buch «Die neue Odyssee» zur europäischen Flüchtlingskrise, dem derzeit vielleicht besten Werk zum Thema, das auf dem Markt ist. Kaum ein anderer hat das Flüchtlingsdrama so hautnah und so umfassend erlebt wie Kingsley. Als «Migrationskorrespondent» des «Guardian» ist der noch nicht 30 Jahre alte Brite mit Flüchtlingen, Schleppern und Helfern in 17 Ländern auf drei Kontinenten in Kontakt gekommen.

Kingsley stellt der europäischen Flüchtlingspolitik ein verheerendes Zeugnis aus: Wenn man sein Buch liest, bekommt man fast schon Mitleid mit Europas Politikern, so naiv, weltfremd und letztlich sinnlos erscheint deren Politik. Doch die Vermutung liegt nahe, dass die Politiker sehr wohl Bescheid wissen, ihrem verängstigten Wahlvolk aber die höchst verstörende Wahrheit nicht zumuten wollen: Die Flüchtlinge lassen sich durch keine Abschottungspolitik der Welt aufhalten.

Warum das so ist, lässt sich am besten in dem Kapitel über Afrika nachvollziehen. Kingsley beschreibt darin das Schicksal von Flüchtlingen aus West- und Ostafrika, die meist über Libyen nach Europa kommen. Die Fluchtursachen sind vielfältig: Bürgerkriege, Militärdiktaturen, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit und Klimakatastrophen. Und so lange es diese Ursachen gibt, werden Menschen fliehen und viele andere davon profitieren.

In weiten Teilen Afrikas ist längst ein blühender Menschenschmuggel entstanden, an dem Händler, Militär und Polizei mitverdienen. Die Stadt Agadez im Niger etwa war einst ein Touristenzentrum, jetzt ist sie Drehkreuz des Menschenschmuggels. Jeden Montag starten die Schleusertouren in die Sahara, mit stillschweigendem Einverständnis der Polizei: «Die Polizisten schauen weg - sie zeigen mehr Interesse an meinem Fahrzeug als an jenen der vorbeifahrenden Schleuser.»

Unverfroren preisen libysche Schleuser auf einer Facebook-Seite ihre Dienste an, als handele es sich um eine erholsame AIDA-Kreuzfahrt: «Eine Fahrt nach Italien nächste Woche mit einer großen, schnellen Touristenyacht. Zwei Stockwerke, klimatisiert, ausgelegt für Touristen. Auch für Familien empfohlen.» Ein anderer Schleuser bewirbt auf seiner Seite sein rostiges Boot mit den Worten: «Vvvvery safe». Man müsste fast schon lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Das Geschäft ist so gut durchorganisiert und wirft für so viele Menschen so viel ab, dass die Versuche europäischer Politiker, die Schleuserproblematik in den Griff zu bekommen, völlig hilflos wirken. Man versteht: Es ist nur Show fürs heimische Publikum. Ein 35-jähriger Syrer bringt es auf den Punkt: «Selbst wenn es eine Entscheidung gäbe, die Migrantenschiffe zu versenken, würden es manche Leute immer noch mit dem Schiff versuchen, weil der Einzelne sich bereits als tot betrachtet.»

Kingsley ist ganz nah dran an den Menschen und ihren traumatischen Schicksalen, doch bei aller Empathie bleibt er erstaunlich sachlich in seiner Rolle als Beobachter. Vor allem zwingt er uns, unsere eingefahrenen und bequemen Denkweisen in Frage zu stellen, unsere schlichte Kategorisierung in gute und schlechte Flüchtlinge und böse Schleuser. Die Wahrheit ist viel komplexer und so gibt es auch keine einfachen Lösungen. Nur eines ist klar: Europa ist bisher seiner historischen Aufgabe nicht annähernd gerecht geworden.

- Patrick Kingsley: Die neue Odyssee. Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise, C.H. Beck Verlag, München, 332 Seiten, 21,95 Euro, ISBN 978-3-406-69227-7.

DIe neue Odyssee

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erstellt am 23.Aug.2016 | 13:43 Uhr

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