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Kultur

09. Dezember 2016 | 18:26 Uhr

Doppel-Premiere : Hamburger Operntriumph mit zwei Mord-Geschichten

vom

Als Hommage an seinen Landsmann Bela Bartok und dessen Oper «Herzog Blaubarts Burg» hat der Ungar Peter Eötvös seinen Einakter «Senza Sangue» komponiert. In der Hamburger Staatsoper gelang eine brillante Kopplung der beiden düster obsessiven Stücke.

Bartoks einzige Oper «Herzog Blaubarts Burg» ist ein Geniestreich, ein finsterer Horror-Schocker, der wegen seiner Kürze meist mit anderen Einaktern gekoppelt wird.

Bartoks Landsmann Peter Eötvös machte mit dieser Beliebigkeit ein Ende. Er komponierte mit «Senza Sangue» (Ohne Blut) ein Komplimentärstück, in dem er das tragische Täter- und Opfer-Motiv eines Paares thematisch mit Bartoks «Blaubart» eng verknüpfte. In Köln 2015 konzertant uraufgeführt, geriet die erste Bühnenversion von «Senza Sangue» in Avignon freilich eher provinziell.

Umso höher die Erwartung an Hamburgs Staatsoper, das Doppel virtuos in Szene zu setzen. Und wie gewünscht, geschah's. Dem prominenten russischen Opernregisseur Dmitri Tcherniakov (Jahrgang 1970) gelang sogar auf einzigartige Weise, die beiden ungarischen Einakter-Alpträume pausen- und nahtlos so ineinander zu verweben, dass man glaubte, in einem einzigen Stück zu sein. Man konnte nur staunen ob des gelungenen Theatercoups.

Dabei begann es unspektakulär. Tcherniakov, stets auch sein eigener Bühnenbildner, hatte Eötvös' Geschichte um eine Frau, die den Mörder ihres Vaters und ihren eigenen Retter dingfest machen will, in ein surrealistisch anmutendes italienisches Straßencafé verlegt. «Senza Sangue» basiert schließlich auf der gleichnamigen Novelle des Italieners Alessandro Barrico. In dem Augenblick, da die einst von Hass Getriebene dem Mann eine Hotelnacht offeriert, verwandelte sich die weite Bühne in das Guckkasten-Verlies eines engen Hotelzimmers, in dem sich das «Blaubart»-Paar, zum Verwechseln ähnlich gestylt, qualvolle Szenen einer Ehe lieferte.

Wie weggeblasen schien da der ganze verstaubte Symbolismus, das steif Parabelhafte, die kalte Märchen-Magie, mit der sich ansonsten die sieben Pforten der Erkenntnis in Bartoks blutigem Schreckens-Psychogramm zu öffnen pflegen. Hier war alles psychologisch scharf und schlüssig konturiert, als sei eine Kamera in die schwärzesten Seins-Abgründe von Mann und Frau vorgedrungen. Delikate Video-Einspielungen schärften dabei die Parallelen beider Werke.

Es war ein großes Glück dieses eindrucksvollen Premierenabends, dass der 72-jährige Eötvös bei seiner Bartok-Hommage wie bei Bartok selbst am Philharmoniker Pult stand und die krassen Seelen-Introspektionen mit schimmernder Kraft und bewegender Emphase vorantrieb. Was machte es da, dass «Senza Sangue» bei aller Dichte seiner bedrohlich flutenden und klirrenden Musik mit Bartoks singulärem Werk nur bedingt konkurrieren konnte.

Die beiden Sänger-Paare warfen sich jedenfalls mit gleich großer Virtuosität in ihre Höllen-Trips. Beim Hochspannungsseil-Akt von «Senza Sangue» brillierten Angela Denoke und Sergei Leiferkus, beim «Blaubart»-Clinch Claudia Mahnke und Balint Szabo. Das Philharmonische Staatsorchester, offenkundig erfrischt durch seine erfolgreiche Südamerika-Tournee, gab Bartok und Eötvös brisanten Glanz.

Staatsoper Hamburg

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erstellt am 07.Nov.2016 | 11:22 Uhr

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