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Kultur

08. Dezember 2016 | 01:21 Uhr

Chronist unsere Zeit : Günter de Bruyn wird 90

vom

Er gehört zu den Großen der DDR-Literatur, auch wenn er sich gegen diese Schublade immer gewehrt hat. Jetzt feiert Günter de Bruyn 90. Geburtstag.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist ein Fan von ihm. Sie empfiehlt jungen Leuten, sich mit Büchern von Günter de Bruyn ein Bild über die frühere DDR zu machen. Und zu seinem 80. Geburtstag nannte sie den Schriftsteller bei einer großen Feier in Frankfurt (Oder) einen Meister der leisen und tiefgründigen Töne: «Ihr Lebenswerk ist eine große Gabe an die Kulturnation Deutschland.»

Am Dienstag (1. November) wird der gebürtige Berliner 90 Jahre alt - diesmal ohne großen Auflauf. Längst lebt er zurückgezogen in einem kleinen brandenburgischen Dorf im Süden Berlins, Interviews mag er keine mehr geben. Doch an seinem Ruf als einem der wichtigsten Chronisten deutsch-deutscher Befindlichkeiten hat sich nichts geändert. Dafür ist er mit zahlreichen Preisen bedacht worden.

Vor allem in seinen Romanen setzt sich de Bruyn ironisch-subversiv mit dem Alltagsleben der DDR auseinander. Sein wohl bekanntestes Buch ist die wunderbare Dreiecksgeschichte «Buridans Esel» (1968), die auch verfilmt und von Ulrich Plenzdorf dramatisiert wurde. In «Preisverleihung» (1972) spießt er elegant die Besonderheiten des DDR-Kulturbetriebs auf. Und seinen letzten Roman «Neue Herrlichkeit» (1984) nannte die Kritik «erhellend und beunruhigend zugleich».

Gegen das Etikett des DDR-Schriftstellers hat er sich gleichwohl immer gewehrt: «Ich bin ein deutscher, in der DDR lebender Autor», betonte er stets. Seit 1970 erschienen seine Bücher auch im Westen. Dass er gleichwohl eher im Schatten von Ost-Literaturgrößen wie Christa Wolf, Stefan Heym oder Heiner Müller blieb, ist seiner selbstgewählten Rolle als «stiller Außenseiter» geschuldet.

Am 1. November 1926 in Berlin geboren und krankheitsbedingt isoliert aufgewachsen, musste er 1943 als Soldat einrücken und zog sich eine Kopfverletzung durch Granatsplitter zu. Nach dem Krieg arbeitete er zunächst als Bibliothekar, ehe er sich mit 35 als freier Schriftsteller niederließ. Sein erster Roman «Der Hohlweg» (1963) war noch stark an den ideologischen Vorgaben des Regimes orientiert. Später zog er ihn als «Holzweg» zurück und entwickelte zunehmend seinen skeptischen Blick auf die Verhältnisse im Arbeiter- und Bauernstaat.

1976 gehörte er zu den Unterzeichnern des Briefs gegen die Ausbürgerung des systemkritischen Liedermachers Wolf Biermann. Einige Jahre später sorgte er für Aufsehen, als er auf einem deutsch-deutschen Schriftstellerkongress die Aufhebung der Zensur in der DDR forderte. Und 1989 lehnte er mit Hinweis auf die «Starre, Intoleranz und Dialogunfähigkeit» der DDR-Regierung den Nationalpreis ab.

Nach dem Untergang der SED-Diktatur gab er schonungslos und selbstkritisch wie kaum ein anderer in «Vierzig Jahre» (1996), dem zweiten Teil seiner Autobiografie, Auskunft über sein Leben zwischen Mitlaufen und Distanz, Anpassung und Widerstand. «Ich hab mir beim Schreiben immer eingebildet, ich könnte von der Zensur absehen. Im nachhinein ist mir klar: Das geht gar nicht», sagte er später.

1973 berichtete er - auch das eher eine Ausnahme - aus eigenen Stücken, dass er sich einst auf ein Gespräch mit der Stasi eingelassen hatte. «Das nehme ich mir besonders übel, denn das war die reine Feigheit.» Den Fall der Mauer empfand der Autor als einen der glücklichsten Momente in seinem Leben, bedauerte aber zugleich, dass es für ihn im Rentenalter für einen Neuanfang zu spät sei.

Dennoch konzentrierte er sich fortan vor allem auf essayistische und literaturwissenschaftliche Arbeiten. Die Biografie «Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter» (1975) ist ein herausragendes Beispiel für seine einfühlsamen Porträts von Persönlichkeiten der preußischen Geschichte.

Wiederholt setzt er auch seiner märkischen Heimat ein Denkmal, unter anderem durch die langjährige Herausgabe des «Märkischen Dichtergartens». Zu seinen Hauptwerken zählen die großen kulturgeschichtliche Essaybände «Als Poesie gut» (2006) und «Die Zeit der schweren Not» (2010).

Sein Privatleben hält der publikumsscheue Autor peinlichst unter Verschluss. Dafür kommen bis heute mindestens ein oder zwei Bücher im Jahr neu heraus, zuletzt «Sünder und Heiliger», die Lebensgeschichte des Dichters Zacharias Werner. «Irgendwie hängt mir die Öffentlichkeit zum Halse heraus», sagte de Bruyn einmal. «Sie hält mich nur vom Schreiben ab.»

Günter de Bruyn, Sünder und Heiliger. Das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner, S. Fischer Verlag Frankfurt 2016, 224 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-10-397208-5

Autorenseite des Verlags

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erstellt am 31.Okt.2016 | 09:00 Uhr

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