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Kultur

09. Dezember 2016 | 01:01 Uhr

Literatur : «Geronimo»: Monster mit menschlichem Gesicht

vom

So hatte der niederländische Bestseller-Autor Leon de Winter (62) das sicher nicht geplant. Aber die Debatten dieses Sommers über den islamistischen Terror dürften der deutschen Ausgabe seines jüngsten Romans zusätzlich Aufmerksamkeit verschaffen.

In «Geronimo» geht es nicht um irgendeinen Terroristen, sondern um den einstigen obersten Scheich der islamistischen Massenmörder: Osama bin Laden.

Dass der längst tot ist, glauben wir zu wissen. Aber was wäre, wenn das Navy Seal Team 6 den Gründer des Terrornetzwerks Al-Kaida bei dem gewagten Hubschrauber-Angriff auf dessen geheimen Anwesen im pakistanischen Abbottabad in Wirklichkeit gar nicht erschossen hätte?

Der Gedanke kam De Winter vor gut drei Jahren beim Mittagessen während eines Urlaubs in Sorrent. Möglicherweise hätten ihn seine Gastgeber auf die Idee gebracht, berichtete der niederländische Erfolgsautor in einem Interview, das der Zürcher Diogenes-Verlag zum Verkaufsstart am 24. August verbreitete. «Amerikaner, von denen der eine früher einer Sondereinsatztruppe angehört hatte und der andere für den Geheimdienst arbeitete.»

Bei solchen Leuten kann man sich viel kreative Fantasie vorstellen. Kein Wunder, dass De Winters Plot manchmal etwas ausufert, wenngleich er meist mit Tempo und Spannung umgesetzt wurde. Nahtlos hat der Niederländer wieder einmal eine fiktiven Handlung mit Szenen des wirklichen Lebens zusammenstrickt.

Wer könnte zum Beispiel dieses Bild aus dem Situation-Room im Weißen Haus vergessen? Barack Obama und Hillary Clinton (vor Aufregung hält sie die Hand vor den Mund) schauen gebannt auf den Bildschirm. 2. Mai 2011, Abbottabad. Es läuft «Operation Neptune’s Spear». Navy Seals dringen in das geheime Haus des Terror-Scheichs ein.

«Kill or capture» (Töten oder gefangen nehmen) lautet ihr amtlicher Auftrag. Bei De Winter jedoch steht von vornherein fest, dass die US-Elitesoldaten den geheimen Zusatzbefehl haben, «Geronimo» - so das Codewort für Bin Laden - auf gar keinen Fall am Leben zu lassen. Erschießen und ab ins Meer. Verehrer des Terrorscheichs sollen keinen Ort für eine Kultstätte bekommen.

Das finden die ebenso tapferen wie aufrechten Navy Seals allerdings gar nicht gut. Bei einem Barbecue und Unmengen von amerikanischem Budweiser-Bier hecken sie einen Plan aus: Bin Laden müsse genau dort ordnungsgemäß zum Tode verurteilt werden, wo am 11. September 2001 der bislang folgenschwerste und grauenhafteste Terrorakt verübt wurde - am Ground Zero. Vorher soll er zum Reden gebracht werden. Also muss zunächst mal ein Doppelgänger her, der statt seiner erschossen wird. Während Obama verkündet, Bin Laden sei erledigt worden, tobt im Verborgenen ein Kampf um die Verfügungsgewalt über den Massenmörder.

Ein bisschen viel Fantasie auf einmal? Nicht für De Winter. Dazu passt auch seine Hauptfigur: Tom ist ein kühner jüdischer Ex-Agent der CIA, ein Afghanistan-Veteran, der seine kleine Tochter 2004 in Madrid beim Terroranschlag auf Züge verlor. Ein verbitterter Held, der - vielleicht im wahren Leben nicht ganz so typisch für knallharte Typen wie ihn - Johann Sebastian Bach wie einen Heiligen verehrt.

Besonders mag er Bachs Goldberg-Variationen. In dem afghanischen Mädchen Apana weckt Tom die Liebe zum klassischen Piano. Doch als die Taliban sie gefangen nehmen, hacken sie ihr dafür die Hände und Ohren ab. Und wer kümmert sich später rührend um die Verstümmelte? Allen Ernstes: das Onkelchen Osama.

Der finstere Terrorfürst versteckt das Mädchen in seinem Haus, er nimmt sie mit zu nächtliche Ausfahrten auf seinem klapprigen Moped, wobei er - Fantasie kennt einfach keine Grenzen - ständig an sein kleines Geheimnis denkt: ein USB-Stick mit Filmszenen, die für Obama verheerende politische Folgen haben könnten.

De Winter beschreibt Bin Laden als Mann, der sich am Leben mit seinen verschiedenen Frauen, am Eisessen sowie an nächtlichen Exkursionen bei frischer Luft erfreut - und gleichzeitig davon träumt, den Westen mit verheerenden Anschlägen zu erschüttern. «Er wird ein Monster mit menschlichem Gesicht, und ich dachte, genau das macht alles noch schlimmer: sich ihn als menschliches Wesen mit den Augen eines Romantikers und den Gedanken eines Massenmörders vorzustellen.»

In den Niederlanden, wo «Geronimo» im Mai 2015 erschien, reichten die Reaktionen von Begeisterung bis zu heftiger Ablehnung. «Das ist insgesamt zu viel, zu knallig, zu sentimental», urteilte die Amsterdamer Zeitung «Volkskrant». «Aber auch so verrückt, dass Leon de Winter mit "Geronimo" der Wirklichkeit schon wieder nahekommt.»

Der Schriftsteller Rob Schouten warf De Winter einen «vollfetten amerikanischen Tonfall» vor. Das sei «regelrechter Schund», wetterte er in der Zeitung «Trouw». Zudem bediene De Winter wieder ein für ihn obligates Klischee: «Hochbegabte israelische Geheimdienstoffiziere sind fleißig dabei, die Welt vom Bösen zu säubern.» Hingegen gab die Zeitschrift für Politik und Kultur «Elsevier» dem Roman vier von fünf Sterne und lobte: «Er hat das Tempo eines Tom-Clancy-Thrillers und enthält eine Menge explosiver Ingredienzien.»

- Leon de Winter: Geronimo, Diogenes Verlag, Zürich, 448 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-257-06971-6.

Verlagsangaben zu Autor und Buch

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erstellt am 23.Aug.2016 | 13:33 Uhr

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