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Kultur

08. Dezember 2016 | 07:01 Uhr

Literatur : Françoise Giroud: «Ich bin eine freie Frau»

vom

Françoise Giroud (1916-2003) gehört zu den Symbolfiguren weiblicher Emanzipation. Sie war Frankreichs erste Starjournalistin, Kolumnistin der Frauenzeitschrift «Elle» und Mitbegründerin des Nachrichtenmagazins «Express». Präsident Giscard d'Estaing machte sie später auch zur Ministerin.

Selbstbewusst konnte Giroud darauf verweisen, «die Karriere eines Mannes und das Leben einer Frau zu meistern». Sie wurde zum Vorbild für viele junge Frauen ihrer Zeit, nicht nur in Frankreich. Doch es gab in ihrem Leben auch ein dunkles Kapitel, das so gar nicht zum toughen Image dieser Erfolgsfrau passen will.

Nachdem ihre Liebes- und Arbeitsgemeinschaft zu dem Journalisten Jean-Jacques Servan-Schreiber im Frühjahr 1960 von diesem schnöde beendet worden war, versuchte Giroud, sich das Leben zu nehmen. Doch das misslang. «Über den eigenen Tod zu bestimmen, über den Zeitpunkt und die Umstände, ist doch der reinste Ausdruck von Freiheit. Er blieb mir verwehrt», schrieb sie anschließend resigniert.

Das Drama dieses Jahres hielt Giroud in einem Text fest, der eigentlich zur Veröffentlichung bestimmt war, doch dann von anderen für nicht gut genug befunden wurde. Er verschwand erst in einer Kiste, dann in einem Archiv, woraus er erst Jahre nach ihrem Tod wieder auftauchte. 2013 wurde er in Frankreich als Buch veröffentlicht und stieß auf große Resonanz. Jetzt liegt er in deutscher Übersetzung vor: «Ich bin eine freie Frau».

Über Giroud sind mehrere Biografien veröffentlicht worden, auch eine Autobiografie ist dabei. Doch kaum ein Text ist so bewegend und authentisch. Es gibt mehrere Gründe, warum sich dieses Buch zu lesen lohnt: Es ist das seltene Bekenntnis einer starken Frau zu einem sehr schwachen Moment in ihrem Leben. Stilistisch brillant, mit großer Klarheit und ohne Larmoyanz erzählt Giroud von ihrer großen Liebe. Doch mehr als das: Man erfährt auch sehr viel über die außergewöhnliche Lebensgeschichte einer Frau, die sich aus widrigen Verhältnissen ganz nach oben arbeitete.

Darüber hinaus bekommt man Einblick in die wenig beneidenswerte Situation berufstätiger Frauen in der Mitte des 20. Jahrhunderts. So schreibt Giroud offen über den Sexismus in der damaligen Filmbranche. Denn bevor sie Journalistin wurde, hatte sie jahrelang als Scriptgirl gearbeitet. «Sprüche und Übergriffe kleiner Studio-Pornografen» waren damals an der Tagesordnung und Produzenten nahmen sich bei weiblichen Neuzugängen ganz wie im Mittelalter das «Recht der ersten Nacht» heraus.

Selbst später noch, als Françoise Giroud längst eine prominente Journalistin war, hatte sie mit massiven männlichen Vorurteilen zu kämpfen. So schien sich der Direktor der Nationalbank vor allem für ihr Kleid zu interessieren: «Mit über vierzig gehörte er einer Generation von Männern an, die ein tief dekolletiertes Kleid naturgemäß nicht mit wirtschaftlicher Kompetenz in Einklang bringen.» Als sie zwei Jahre später wieder neben dem Banker saß, rächte sie sich bei ihm mit einem «Kurzvortrag über die Indexierung der Agrarpreise».

Ihre Liebesbeziehung zu Jean-Jacques Servan-Schreiber wirkt auf uns heute widersprüchlich und auch seltsam unmodern. Einerseits war er ihr ein kongenialer Partner. Er «liebte mich genug, um meine Flügel zu streicheln anstatt sie zu stutzen; er fühlte sich stark genug, um mich an die Spitze zu setzen, ohne zu befürchten, dass ich ihn jemals überragen würde.» Andererseits aber blieb der Spross aus gutbürgerlichem Hause im Althergebrachten gefangen. Er ließ Françoise ebenso wie seine erste Ehefrau für eine zwanzig Jahre Jüngere im Stich, von der er sich noch reichlich Nachwuchs versprach.

Man kann Girouds Verzweiflung angesichts dieser Kaltschnäuzgikeit gut verstehen. Umso mehr ist es ihr anzurechnen, dass ihr Buch keine bittere Abrechnung geworden ist. Eher legt sie vor sich selbst Rechenschaft ab, und das auf eine kluge, klarsichtige und feinsinnige Art.

- Françoise Giroud: Ich bin eine freie Frau. Zsolnay Verlag, Wien, 268 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-552-05766-1.

Ich bin eine freie Frau

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erstellt am 19.Apr.2016 | 14:17 Uhr

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