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Kultur

04. Dezember 2016 | 09:14 Uhr

Neuer Film : Fatih Akin: „Hätte für einen Roadtrip mit Tschick nie die Eier gehabt“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Regisseur Fatih Akin, der Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ verfilmt hat, spricht im Interview über Ferienerinnerungen und die Pubertät.

Hamburg | Alles beginnt mit Tatjana. Tatjana ist die Klassen-Schönheit und für den 14-jährigen Maik – Spitzname: „Psycho“ – unerreichbar. Die Aussicht auf die Sommerferien macht die Sache auch nicht besser. Ohne Freunde und ohne Eltern – die Mutter ist in der Entzugsklinik, der Vater mit seiner jungen Assistentin auf „Geschäftsreise“ – hängt Maik zu Hause ab. Bis der Deutsch-Russe Tschick, ein Außenseiter wie Maik, auftaucht und ihn zu einer Fahrt im geklauten Lada überredet. Was dann folgt ist ein furioses literarisches Roadmovie, eine Geschichte über die Jugend, über die Freiheit und die Freundschaft, die millionenfach verkauft und mehrfach ausgezeichnet wurde.

Maik (Tristan Göbel, l) und Tschick (Anand Batbileg) machen mit einem schrottreifen Lada einen Roadtrip.
Maik (Tristan Göbel, l) und Tschick (Anand Batbileg) machen mit einem schrottreifen Lada einen Roadtrip. Foto: Lago Film GmbH/StudioCanal
 

Wolfgang Herrndorf erlebte die Verfilmung seines gefeierten Jugendromans „Tschick“ nicht mehr. Der Autor, der an einem Hirntumor erkrankt war, nahm sich 2013 das Leben. Sein Buch aber wurde zum modernen Klassiker – und zum begehrten Filmstoff.

Am Donnerstag nun kommt die Adaption des Hamburger Regisseurs Fatih Akin in die Kinos. Im Interview spricht Akin über die eigene Jugendzeit, Literaturverfilmungen und das Lebensgefühl von Jugendlichen in der Pubertät.

Herr Akin, wären Sie als 14-Jähriger auch bei Tschick eingestiegen?
Nee, ich glaube, ich hätte dafür nicht die Eier gehabt. Und ich wollte auch nie abhauen, dafür komme ich aus einem viel zu wohlbehüteten Elternhaus.

Die Geschichte weckt beim erwachsenen Zuschauer auch Erinnerungen an die eigenen Sommerferien. Wo haben Sie Ihre als Jugendlicher verbracht?
Immer in der Türkei. Wir sind jedes Jahr am letzten Schultag ins Auto gestiegen, zu viert, mein Bruder, meine Eltern und ich. Dann sind wir über den Balkan runter in die Türkei, das war immer ein großes Abenteuer.

Und eine Fahrt in eine andere Welt?
Voll. Das war das Highlight des Jahres. Wir waren jeden Tag im Meer. Das waren geile Sommer, mit Trampen und wilder Landschaft und fetten Abenteuern. Nach dem Abitur bin ich dann das erste Mal im Sommer in Hamburg geblieben. Das war ein Gefühl wie nach der Flucht aus dem Knast, denn die Schule hat mir nicht gefallen.

War das der beste Sommer von allen?
Ja, das war absolut der beste. Sommer 1994. Ich habe damals noch bei meinen Eltern gewohnt. Die waren wieder in der Türkei und ich war mit meinem Bruder zwei Monate alleine zu Hause. Wir hatten sturmfreie Bude und bestes Wetter.

Wie im Film?
Ja, wir hatten sogar die Autos unserer Eltern. Und wir waren älter als Tschick und Maik und durften tatsächlich auch fahren.

Der beste Sommer von allen – so lautet der Untertitel zu Akins Film. Denn Tschick und Maik fahren nicht einfach nur los, um Tschicks Großvater in der Walachei zu besuchen, sie erfahren sich dabei auch selbst. Zwei Jungs, die zwischen Kindheit und Adoleszenz hängen, gefangen zwischen aufflammenden sexuellen Interessen und der Lust am groben Unfug. Und die dabei, ganz nebenbei, eine außergewöhnliche Freundschaft entwickeln. Akin erzählt die Geschichte der beiden in eindrucksvollen Bildern: Äußerst farbig, in großem Tempo und mit spürbarer Sympathie für seine Protagonisten. Und er hat mit Tristan Göbel (Maik) und Anand Batbileg (Tschick) zwei wunderbare junge Darsteller gefunden.

„Tschick“ ist Ihre erste Literaturverfilmung. Warum ausgerechnet dieses Buch?
Ich habe beim ersten Lesen sofort an alte Jugendfilme aus den 80ern gedacht, die ich als Junge geliebt habe: „Stand by me“, „Ferris macht blau“ oder „Breakfast Club“. Solche Filme gibt es heute nicht mehr. Dieses Genre ist ein bisschen verloren gegangen, die meisten Sachen für Jugendliche, die heute gemacht werden, gefallen mir nicht. Deshalb wollte ich dieses Buch verfilmen.

Die Filme, die Sie genannt haben, beschreiben ein Lebensgefühl, das die Jugendlichen aller Generationen vor dem Sprung ins Erwachsenenalter miteinander verbindet: Sich unverstanden fühlen, unglückliche Liebe, Konflikte mit den Eltern.

Genau. Die Pubertät ist eine spezielle Zeit, in ihr baut sich das Gehirn um, Nervenstränge werden neu gelegt. Man könnte fast sagen: Das Gehirn renoviert sich. Ich habe mal gelesen, dass man während der Pubertät zeitweise das Gehirn eines Manisch-Depressiven hat, weil alles hormonell im Umbau ist. Es ist egal, wie sich die Außenwelt verändert, ob es Internet oder Smartphones gibt, der Umbruch im Inneren der Jugendlichen ist zu allen Zeiten derselbe. Mein elfjähriger Sohn kommt da auch bald rein. Ich hoffe, ich kann dann ein guter und geduldiger Vater für ihn sein, denn der ist jetzt schon öfter mal genervt.

Glauben Sie, dass der Film tatsächlich eher Jugendliche anspricht? Oder erwarten Sie doch mehr Erwachsene im Publikum?
Im besten Fall ist der Film interessant für beide Gruppen. Ich glaube, ehrlich gesagt, nicht, dass er der Megablockbuster für Jugendliche wird, dafür ist es vielleicht zu sehr ein Kunstfilm. Aber das Buch ist ja auch nicht ein reines Jugendbuch. Ich glaube sogar, dass es mehr von Erwachsenen gelesen wurde als von Jugendlichen.

Ist es eigentlich schwieriger, ein Buch zu verfilmen als einen eigenen Stoff?
Nein, einfacher. Wenn ich selber schreibe, sitze ich vor ganz viel leerem Papier und muss mir den ganzen Mist ausdenken. Und wenn ich einen Roman adaptiere, dann hat sich das schon jemand ausgedacht und ich muss die Geschichte nur noch für den Film übersetzen.

Und mussten Sie viel übersetzen?
Nein, eigentlich nicht. Ich habe die wenigsten Dialoge selbst geschrieben. Mich überrascht heute noch, wie viele Dialoge von Wolfgang Herrndorf im Film funktionieren. Ich hatte das Buch zwar gelesen und fand es lustig, hätte aber nicht gedacht, dass es auch im Film so gut klingt.

Tatsächlich sind es der besondere Erzählton und die eigenwillige Logik der Protagonisten, die ihre Geschichte so besonders und unterhaltsam machen. Wenn sie etwa über die Bestimmung von Himmelsrichtungen diskutieren oder über den Unterschied von See- und Steppenwolf. Nur der subjektive Blick dieser beiden Jungs, ihre Perspektive auf die Welt und das Leben zählt – bei Herrndorf wie bei Akin.

Haben Sie Wolfgang Herrndorf noch kennengelernt?
Nein, leider nicht.

Gab es irgendwelche Aufzeichnungen von ihm, die seine Vorstellungen für den Film umschrieben haben?
Nein, aber es gab seinen Blog Arbeit und Struktur, den habe ich während der Vorbereitung gelesen, um in die Herrndorf-Welt einzutauchen. Um zu verstehen, wie er die Dinge sieht, was er gut findet und was nicht. Ich wollte den Film so machen, dass er ihm gefallen könnte.

Und ist Ihnen das gelungen?
Ich glaube, er würde sagen: Es ist zu viel Musik in dem Film, vor allem zu viel Jugendmusik. Ich denke, das würde ihm nicht so passen. Aber ich glaube, er würde es mögen, dass der Film mit relativ unbekannten Schauspielern gemacht wurde und nicht nur mit den bekannten Tatort-Gesichtern. Seine Freunde sagen jedenfalls, dass ihm der Film gefallen hätte. Und seine Eltern, die mich im Schneideraum besucht haben, mögen ihn auch.

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erstellt am 14.Sep.2016 | 16:07 Uhr

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