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Kultur

07. Dezember 2016 | 23:12 Uhr

Literatur : Familientragödie: «Beim Leben meiner Tochter»

vom

Längst ist der französische Bestsellerautor Michel Bussi auch hierzulande kein Unbekannter mehr. Seine fesselnden Psychothriller «Das Mädchen mit den blauen Augen» und «Die Frau mit dem roten Schal» fanden gleich eine große Fangemeinde.

Kein Wunder, denn Bussis Romane, echte Page-Turner, sind nicht nur abgründig und spannend, sie spielen auch mit dem Leser auf raffinierte Weise Katz und Maus. Wenige Autoren beherrschen so wie Bussi (51) das Spiel der Täuschung und der bewussten Irreführung und kaum einer legt so wie er heimtückisch falsche Fährten. Auch wenn man schon mehrere Romane von ihm gelesen hat, fällt man doch immer wieder auf ihn herein. Chapeau!

In seinem neuen Buch mit dem etwas kitschigen Titel «Beim Leben meiner Tochter» entführt Bussi den Leser nach La Réunion. Die französische Tropeninsel im Indischen Ozean - etwas weniger bekannt als ihre schillernde Schwester Mauritius - wird bei ihm zum Schauplatz einer Familientragödie. Liane Bellion, ihr Mann Martial und die Tochter Josepha haben dem grauen Frankreich den Rücken gekehrt, um ein paar entspannte Sonnentage auf der Insel zu verbringen.

Doch dann verschwindet Liane während der mittäglichen Siesta spurlos aus dem Hotel. Blutflecken in ihrem Zimmer lassen das Schlimmste befürchten. Der Letzte, mit dem sie zusammen war: ihr Mann. Auf ihn konzentrieren sich schnell die Ermittlungen. Doch bevor die junge Kommissarin Aja und ihr Kollege Christos Martial festsetzen können, macht sich der Verdächtige mit seiner Tochter aus dem Staub. Hat er das Mädchen als Geisel genommen?

Es beginnt eine atemlose Verfolgungsjagd über die Insel, bei der mehrere Menschen sterben müssen. Martials Verhalten erscheint immer irrationaler, seine Motive sind undurchsichtig. Liegen sie in seiner Vergangenheit? Es stellt sich nämlich heraus, dass er keineswegs zum ersten Mal auf der Insel ist. Schon vor Jahren lebte er hier mit seiner ersten Frau und verlor einen Sohn auf tragische Weise. Steht das damalige Drama im Zusammenhang mit dem jetzigen Geschehen?

Die beiden Kommissare suchen fieberhaft nach einem Bindeglied. Und mit ihnen der Leser, der sich schnell in einem Gespinst von Fragen verfängt. Welche Geheimnisse verbirgt die Zimmerfrau Eve-Marie vor den Ermittlern? Scheint sie nicht über Martials Vergangenheit mehr zu wissen, als sie verrät? Und was hat es mit dem befreundeten Ehepaar aus dem Hotel auf sich, das nach dem Verschwinden Lianes so verdächtig schnell die Insel verlässt?

Doch Bussi ist kein Autor für einfache Auflösungen. Man kann sicher sein: Das Ende ist überraschend und spektakulär. Bussi ist ein Meister spannender Plots. Was ihm ein wenig fehlt, ist sprachliche Raffinesse. Auch manche Einfälle wie die Idee, das Mädchen Josepha in der Ich-Form erzählen zu lassen, wirken nicht so gelungen. Doch überzeugt der Roman mit warmherzigen und lebendigen Porträts: der toughen Polizistin Aja steht ihr liebenswerter Kollege Christos gegenüber, der das Laissez-faire des Südens verkörpert, ein charmanter Filou, der zu Nachlässigkeit, Joints und Drinks neigt. Doch ausgerechnet für ihn wird der Fall zur menschlichen Prüfung.

Der Roman ist auch eine Hommage an La Réunion, diese herb-schöne Vulkaninsel und ihre buntgemischte Bevölkerung. Allerdings vermeidet Bussi peinlichen Touristenkitsch. Denn die Insel in den Tropen ist auch voller gesellschaftlicher Konflikte und Widersprüche. Hintergründe, die der Autor in seine Kriminalgeschichte mit einfließen lässt.

- Michel Bussi: Beim Leben meiner Tochter, Aufbau Verlag, Berlin, 400 Seiten, 12,99 Euro, ISBN 978-3-7466-3193-6.

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erstellt am 02.Aug.2016 | 13:27 Uhr

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