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Kultur

06. Dezember 2016 | 15:15 Uhr

Literatur : Ein Klassiker neu: Waughs «Ohne Furcht und Tadel»

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Ursprünglich waren es drei Romane, in denen der große englische Schriftsteller Evelyn Waugh (1903-1966) seine Erfahrungen als Soldat im Zweiten Weltkrieg zu Papier brachte. Doch dann überarbeitete er ein Jahr vor seinem Tod die zwischen 1952 und 1961 entstandenen Bände «Men at Arms», «Officers and Gentlemen» und «Unconditional Surrender» noch einmal und fasste sie zu dem brillanten Werk «Sword of Honour» zusammen.

Der deutsche Titel des Buches, «Ohne Furcht und Tadel», das jetzt in einer Neuauflage bei Diogenes erschien, ist gut gewählt, denn er gibt bereits den ironischen Unterton der gesamten Geschichte um den britischen Adligen Guy Crouchback wieder. Mit dem hat der Autor einiges gemein - unter anderem seinen katholischen Glauben.

Am Katholizismus lässt Waugh («Wiedersehen mit Brideshead») seine Leser reichlich teilhaben. Er ist sozusagen die Grundierung für die absurde Beziehung Crouchbacks zu seiner Ex-Frau Virginia. Mit dem Glauben erklärt er darüber hinaus seine Haltung zum Tod. Crouchbacks Fatalismus wird durch den trockenen Erzählstil, der oft so reizvoll süffisant ist, besonders wirkungsvoll dargestellt. Man sieht ihn vor sich, den Mitdreißiger, wie er gelassen, mit Todesverachtung, in korrekter Kleidung und Haltung ins Gefecht zieht. Eben wie ein Ritter ohne Furcht und Tadel.

Dies - und das macht das Buch so unterhaltsam - ist keineswegs auf Kriegsschauplätze beschränkt. Waugh schickt seinen Helden immer wieder aufs gesellschaftliche Schlachtfeld. Und mit ihm ebenso originelle wie grundverschiedene Offiziere und Gentlemen. Es gibt viel Platz für Charakterstudien in dem fast 1000-seitigen Werk. Wobei natürlich Crouchback im Mittelpunkt steht.

Zunächst ist es Idealismus, der den aus einer altehrwürdigen Familie stammenden Mann in den Krieg gegen Nazi-Deutschland führt. Der recht gut betuchte Sonderling lässt sich - obwohl er die 30 bereits überschritten hat - in einem Elite-Regiment zum Offizier ausbilden. Doch schon während der eher geruhsamen Ausbildung ist er genervt vom Schlendrian, vom Nichtstun, vom Chaos in der Truppe, in der anscheinend nichts richtig funktioniert - außer dem Bemühen, in jeder Situation Haltung zu bewahren.

Nicht weniger desillusioniert ihn das «wahre» Soldatenleben an Fronten quer durch Europa, Nord- und Westafrika. Er kann dem Krieg nichts Heroisches abgewinnen. Und so wird der Held des Buches kein Kriegsheld, aber er gewinnt doch: an Einsicht und an Menschlichkeit. Und Sicherheit - dank Onkel Peregrine, «einem international berüchtigten Langweiler, dessen gefürchtete Anwesenheit im Handumdrehen dafür sorgte, dass sich ein Zimmer in jedem Mittelpunkt des geistigen Lebens leerte...».

Es ist die wunderbare Mischung aus britischem und schwarzem Humor, die das Buch mit der ernsten Thematik so unterhaltsam macht. In der Literatur, ja generell in der Kunst, nichts Neues, dem Schrecken eines Krieges mit satirischen Mitteln zu begegnen. Bei Waugh geschieht es eher beiläufig, dass sich die edlen Ziele der Crouchbackschen Kriegsbeteiligung ins Gegenteil verkehren - was nicht weniger wirkungsvoll ist.

Die Art und Weise dieser Entwicklung, der menschliche Aspekt der Geschichte und ihre Botschaft machen «Ohne Furcht und Tadel» zum Meisterwerk, das seinen Podestplatz neben Waughs vielgerühmten Romanen «Eine Handvoll Staub», «Tod in Hollywood» oder auch «Wiedersehen mit Brideshead» verdient hat.

Der Autor selbst war nie so unumstritten. Sein Landsmann George Orwell (1903-1950) fand in seiner Kritik zu «Wiedersehen mit Brideshead» folgende Worte für den als erzkonservativ geltenden Kollegen: «Der Romancier Waugh ist so gut, wie ein Autor nur sein kann; sein Stil ist schnörkellos und präzise, seine Überzeugungen waren jedoch unvertretbar.»

Evelyn Waugh: Ohne Furcht und Tadel, Diogenes Verlag Zürich, 992 Seiten, 29,00 Euro, ISBN 978-3-2570-6965-5

Ohne Furcht und Tadel

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erstellt am 14.Jun.2016 | 13:21 Uhr

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