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Kultur

09. Dezember 2016 | 16:26 Uhr

„Ein Festival der Kontraste“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Tausende Besucher frönen in Wacken dem Heavy Metal / Warum aggressiv klingende Musik nicht aggressiv macht, erklärt Nico Thom

Es ist laut und es fließt sehr viel Bier: Auf Außenstehende kann das größte Heavy-Metal-Event der Welt, des Wacken Open Air, sehr befremdlich wirken. Nico Thom (Foto) ist Musikwissenschaftler an der Musikhochschule Lübeck und befasst sich dort mit Musikpsychologie. Er erklärt die Faszination Wacken.

Herr Thom, der typische Wacken-Besucher – was ist das für ein Mensch?

Zwar deckt das Festival ein breites Spektrum an Spielarten des Heavy Metals ab, aber in erster Linie geht es um harte Gitarrenmusik. Und die spricht vor allem ein Publikum an: 20- bis 50-jährige Männer. Natürlich gibt es auch weibliche Fans. Aber die Musik drückt typisch männliche Attribute aus. Härte durch Lautstärke, Kraft durch Geschwindigkeit, Technische Aspekte bei Gitarren und Schlagzeug.

Muss man als Liebhaber harter Musik auch selber ein harter Typ sein?

Nein, das macht die Faszination Wacken aus. Es ist ein Festival der Kontraste. Die Musik strahlt etwas Aggressives aus. Aber diese Aggressivität steht im Gegensatz zum sehr friedlichen Zusammenleben der Menschen im Rahmen des Festivals. Heavy Metal ist eine Außenseiter-Musik. Der Mainstream empfindet die harten Klänge als unangenehm. Aber bei Wacken kommen auf kleinem Raum unheimlich viele Menschen zusammen, die genau diese Musik feiern wollen. Sie haben eine randständige Musik, die in diesem Kontext sehr groß erscheint. Gleichzeitig findet dieses gigantische Zusammentreffen in einer Gegend statt, die sehr beschaulich und dünn besiedelt ist. Das ländliche steht im starken Kontrast zu dieser – überspitzt formuliert – Freakshow, die sich dort abspielt.

Heavy Metal – ist das Krach oder schöne Musik?

In jedem Fall kein Krach. Das Genre hat viele Unterstilistiken und kann eine lange Geschichte aufweisen, die bis in die 60er Jahre reicht. Da kommt schon einiges an Musikgeschichte zusammen. Es gibt sehr einfach gehaltene Stile aber auch sehr avancierte und technisch elaborierte Stile wie progressive Metal. Das ist sehr anspruchsvoll.

Anspruchsvoll, aber trotzdem können viele Menschen damit nichts anfangen.

Das liegt vor allem an den verzerrten Gitarren. Es ist kein klarer Klang. Er wird bewusst verzerrt, schnell und laut gespielt. Dass das für viele Menschen nicht interessant ist, hängt auch von den Hörgewohnheiten ab. Heavy Metal wird einfach sehr selten im Radio gespielt. Für die vielen Wacken-Besucher ist es aber auch das, was sie wollen. Sie wollen nicht zum Mainstream gehören, sondern sich sozial abgrenzen.

Welche Emotionen ruft Heavy Metal hervor? Macht aggressive Musik auch aggressiv?

Im Gegenteil: Dadurch, dass ich harte Musik höre, baue ich Aggressionen ab. Es ist eine Art akustisches Ventil. Die Leute tanzen wie wild vor der Bühne und bauen so Stress ab. Die Musik spiegelt Aggressionen der Hörer wider und nimmt so den Druck von der Seele. Das gibt ein befreiendes Gefühl. Insofern ist das etwas Regulierendes, etwas Positives. Heavy Metal nimmt uns die Aggressionen, vorausgesetzt, wir mögen ihn.

Welche Rolle spielt das Gemeinschaftsgefühl?

Das ist sehr zentral. Die Fans, die aus ganz unterschiedlichen Ländern kommen, sind außerhalb des Festivals mit ihrem Musikgeschmack eher für sich. In Wacken treffen sie auf Gleichgesinnte, die diese Musik feiern und wertschätzen. Das schafft ein Gemeinschafts- und Glücksgefühl. Es ist auch eine Gelegenheit, aus dem Alltag auszubrechen. Man kann sich dort gehen lassen und fühlt sich befreit von den Zwängen des Arbeitsalltags.

Das Festival hat etwas sehr archaisches. Ist es ein Ausbruch aus der heutigen Zeit?

Mit Sicherheit. Es gibt extra eine Bühne für Musik, die das Mittelalter feiert. Dort wird der Aspekt „zurück zu den Wurzeln“ sehr stark hervorgehoben. Es geht darum, der modernen Gesellschaft mit ihrer Technisierung den Rücken zu kehren, in die Natur und aufs flache Land rauszukommen. All das wird dort zelebriert. Man zeltet und bewegt sich im Freien, die Hygiene wird reduziert. Das wird ganz bewusst gesucht. Die Musik bedient das, indem sie roh und einfach, aber damit eben auch sehr wirkungsvoll ist.

Muss es sein, dass diese Musik so laut ist?

Das ist bezeichnend für große Open Air Festivals. In kleinen Clubs erreicht man sehr schnell akustische Grenzen. Dann wird Lautstärke schmerzhaft. Beim Wacken-Festival kann ich mich, wenn ich die volle Dröhnung haben will, direkt vor die Bühne drängeln und werde da wie von einer klanglichen Dampfwalze überfahren. Man spürt die Musik physisch. Ich kann mich aber jederzeit rausnehmen. Die größte Wirkung hat Musik, wenn sie über uns einfällt. Man hat das Gefühl, sich nicht entziehen zu können. Man steht in der Musik, hört sie von allen Seiten.

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erstellt am 05.Aug.2016 | 14:49 Uhr

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