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Kultur

08. Dezember 2016 | 10:56 Uhr

Hitler-Gegner im Ausland : Ein deutscher Briefroman: Familienporträt der Manns

vom

Die Geschichte der Familie von Thomas Mann ist auch in zahlreichen Briefen überliefert, bisher in Teilausgaben und oft gekürzt. Jetzt liegen «Die Briefe der Manns» von 1919 bis 1981 als «Familienporträt» vor - mit über 100 bisher unveröffentlichten Briefen.

Thomas Mann beklagt 1936 im Jahr der Olympischen Spiele in Berlin eine «idiotische Roheit des gegenwärtigen Deutschtums» und tut sich dennoch schwer damit, seinen deutschen Wurzeln gänzlich und endgültig zu entsagen, obwohl er längst im Exil ist.

Der deutsche Literaturnobelpreisträger («Buddenbrooks») wird zu einem der prominentesten deutschen Hitler-Gegner im Ausland, was ihm auch im Nachkriegsdeutschland nicht nur Freunde machen wird.

Klaus Mann warnt seinen Vater denn auch im Mai 1945 vor einer Rückkehr nach Deutschland, um womöglich sogar «irgendeine politische Rolle» zu übernehmen. Man werde ihm «das wohlverdiente, unvermeidliche Elend des Landes vorwerfen, höchstwahrscheinlich würdest du ermordet werden». Dieser Brief des Sohnes in englischer Sprache geschrieben vor den Trümmern des Münchner Elternhauses ist in der neuen Gesamtausgabe der «Briefe der Manns» von 1919 bis 1981 (ohne Heinrich Mann, es geht nur um die Familie Thomas Mann) als deutsches Familienporträt des 20. Jahrhunderts enthalten. Sie präsentiert erstmals aus verschiedenen Archiven und Beständen auch über 100 bisher unveröffentlichte Briefe der acht Familienmitglieder aus sechs Jahrzehnten. Es ist nicht übertrieben, von einer kleinen Sensation dieses Bücherherbstes zu sprechen, da es sich um nicht viel weniger als den Höhepunkt in der Geschichte der Mann'schen Briefeditionen handelt, sozusagen das «Krönungswerk».

Herausgeber des umfangreichen Bandes, vorzüglich kommentiert und mit einem ausführlichen Anhang versehen, sind neben Tilmann Lahme, der bereits die vielbeachtete Biografie «Die Manns» veröffentlicht hat, auch der frühere Leiter des Lübecker Buddenbrookhauses, Holger Pils, und Kerstin Klein, die ebenfalls früher im Buddenbrookhaus arbeitete. Die Herausgeber wurden in verschiedenen Archiven fündig und veröffentlichen auch bisher verschollen geglaubte Briefe.

Die Briefe des Ehepaares Katia und Thomas Mann (genannt Mielein und Zauberer) sowie ihrer Kinder Erika (Eri), Klaus (Eißi), Golo (Gölchen), Monika (Mönle), Elisabeth (Medi) und Michael (Bibi) - mit dem eindeutigen «Kommunikationszentrum» Katia Mann - sind mehr als ein Familienporträt, auch wenn der Leser Zeuge eines «Familiengesprächs» wird. Sie lesen sich auch als eine Literatur- und Zeitgeschichte schicksalsträchtiger Jahre, streckenweise ist es auch ein «Abenteuerroman». «What a life!» schreibt Erika Mann einmal unter Hinweis darauf, dass die «amazing family» (erstaunliche Familie) «an so verschiedenen Orten und Kampfabschnitten tätig zu sein hat». Das Familienoberhaupt bringt es direkter auf den Punkt, «wie der Krieg nun auch in die amazing family eingreift», unerwartet aber eben «nicht verwunderlich».

Die aufgeregten Briefe des verstörenden Sommers 1939, als der Krieg in viele vermeintlich gesicherte Verhältnisse einbrach, sehen die Herausgeber völlig zu recht als einen der Höhepunkte der Briefsammlung. Das Familienoberhaupt war noch wenige Tage vor Kriegsausbruch mit den Schlussarbeiten für seinen Goethe-Roman «Lotte in Weimar» beschäftigt, aus dem dann die Passage über die Deutschen sogar im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zitiert wurde. Darin beklagt die Romanfigur Goethe, dass den Deutschen «Dunst und Rausch und all berserkerisches Unmaß» so teuer sei und dass sie sich «jedem verzückten Schurken gläubig hingeben, der ihr niedrigstes aufruft, sie in ihren Lastern bestärkt».

Die große Ratlosigkeit des deutschen Literaturnobelpreisträgers zu Beginn des Krieges ist unverkennbar. Es sei gar nicht zu sehen, dass die Deutschen die Nazis absetzen und Frieden machen. Für Mann ist der Krieg nicht einmal das Entscheidende, wenn es auch das Einschneidendste für die Menschen ist. «Und ist denn ein rasches Ende des Krieges, das wesentlich alles beim Alten ließe, auch nur zu wünschen?» Denn es sei doch wohl notwendig, dass «Bruder Hitler das verdiente Ende findet» und nicht womöglich seinen «Lebensabend als 'Künstler' verbringt».

Nach dem Krieg wird nichtsdestotrotz eine hitzige Debatte über das Für und Wider der Emigration ausbrechen. «Wir seien nicht in der Lage zu urteilen», berichtet Klaus Mann seinem Vater nach Kriegsende über Stimmen von jenen Menschen aus dem zerstörten Deutschland, die im Land geblieben waren. «Sie hätten versucht, gewisse Reste der großen deutschen Tradition zu retten», meinten sie. Der Nobelpreisträger konstatiert resigniert: «12 Jahre hat man geglaubt, eine anständige Haltung eingenommen zu haben... Und jetzt muß man erfahren, daß man ein Feigling war.» Als er 1949 aus Anlass der Goethe-Feiern zum 200. Geburtstag auch nach Weimar in die damalige sowjetische Besatzungszone fuhr, womit er sich bei Kritikern den Vorwurf einer «Russenfreundlichkeit» einhandelte, meinte der Nobelpreisträger: «Ich kenne keine Zonen. Mein Besuch gilt Deutschland selbst, Deutschland als Ganzem und keinem Besatzungsgebiet.»

- Die Briefe der Manns - Ein Familienporträt. Herausgegeben von Tilmann Lahme, Holger Pils und Kerstin Klein, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 720 Seiten, mit Abbildungen, 24,99 Euro, ISBN 978-3-10-002284-4.

Die Briefe der Manns

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erstellt am 27.Sep.2016 | 15:13 Uhr

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