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Kultur

03. Dezember 2016 | 16:44 Uhr

Abschied von einer Herzogin : Direktor der Amalia Bibliothek geht

vom

25 Jahre lang hat Michael Knoche die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar mitgeprägt. Der Wiederaufbau der Forschungsbibliothek nach dem Brand 2004 war seine größte berufliche Herausforderung. Jetzt verabschiedet sich der 65-Jährige.

Die schockierenden Bilder der brennenden Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar gingen im September 2004 um die Welt. Hunderte Weimarer Bürger versuchten, ungeachtet auflodernder Flammen und Gefahren, Jahrhunderte alte Bücher aus dem Haus zu holen.

Zum Symbol jener Nacht wurde die Rettung der Lutherbibel von 1534 von Bibliotheksdirektor Michael Knoche. Er holte das einzigartige Exemplar, das so 2015 ins Weltdokumentenerbe aufgenommen werden konnte, mit Erlaubnis der Feuerwehr aus dem Rokokosaal.

«Ich habe keine Angst gehabt. Das Risiko war überschaubar, da ich mich im Haus auskannte», meint der Germanist und Bibliothekar. «Es gab in der Brandnacht viele Helfer, die den Flammen viel näher waren und mit Risiko und großer Leidenschaft Zehntausende Bücher bargen», relativiert er seinen Einsatz. Am Freitag nimmt der 65 Jahre alte Germanist und Bibliothekar nach 25 Jahren als Direktor seinen Abschied.

Bei einem Festakt zur Gründung der herzoglichen Bibliothek vor 325 Jahren legt er die Verantwortung für die renommierte Forschungsbibliothek in die Hände von Reinhard Laube. Der leitete seit 2013 die Staats- und Stadtbibliothek in Augsburg. Die Weimarer Bibliothek sei eine Archiv- und Forschungsbibliothek par excellence, begründete Laube seine Bewerbung. Von ihr seien in den vergangenen Jahrzehnten entscheidende Impulse ausgegangen.

«Die Sanierung des historischen Stammhauses, die Restaurierung der aus dem Brandschutt geborgenen 118 000 Bücher und Buchreste und der Erwerb von Ersatzexemplaren für die 50 000 verbrannten Bücher war die größte Herausforderung in meinem Berufsleben», sagt Knoche rückblickend. «Wir haben wochenlang in absolutem und pausenlosem Einsatz überlegt und entschieden, was ist das Wichtigste. Was müssen wir als Erstes, Zweites oder Drittes machen.» Und manchmal hätten sie auch Menschen vor den Kopf stoßen müssen, weil deren Angebote nicht zielführend waren.

Zwölf Jahre nach dem verheerenden Feuer hat die zum klassischen Unesco-Weltkulturerbe gehörende Bibliothek mehr erreicht als damals gedacht. Von den 25 000 sogenannten Aschebüchern, die außen verkohlt und innen teilweise intakt waren, wurden bis Ende 2015 in der eigenen Werkstatt 3160 Bände restauriert. Die Zahl der gekauften oder geschenkten Bücher hat die 50 000 weit überschritten. «Das ist in etwa die Zahl der Bücher, die am 2. September 2004 komplett zerstört wurden», sagt der Sprecher der Klassik Stiftung, Franz Löbling.

Die Anteilnahme an den Verlusten im In- und Ausland war riesig. Mehr als elf Millionen Euro wurden von Privatleuten und Firmen gespendet. «Die Fürstenbibliothek ist so auch zu einer Bürgerbibliothek geworden», würdigt Knoche die Solidarität der Menschen.

Als er vor 25 Jahren aus dem Westen in den Osten kam, habe er hochmotivierte und ausgebildete Mitarbeiter, aber eine Bibliothek auf dem technischen Stand der 1950er Jahre vorgefunden. Der Zustand des Hauses sei prekär gewesen. Während in Westdeutschland gerade in einer großen Welle die EDV eingeführt wurde, gab es in der Weimarer Bibliothek keinen einzigen Computer, nicht einmal ein Kopiergerät. «Zwei Mitarbeiter haben eigenhändig die Karteikarten abgeschrieben und so vervielfältigt», erinnert sich Knoche.

Die Stasi-Überprüfung der Mitarbeiter sei ein «schrecklicher Prozess» gewesen, schwierig die Einführung des neuen Tarifrechts. Wohnungen waren knapp nach dem Zusammenbruch der DDR. 1991 hatte er anfangs nur eine provisorische Bleibe. All dies habe ihn aber nicht abgeschreckt. «Ich habe es ziemlich sportlich genommen», sagt der passionierte Läufer.

25 Jahre später präsentiert sich die Herzogin Anna Amalia Bibliothek als moderne Forschungsbibliothek mit Schwerpunkt Literatur und Kulturgeschichte um 1800. Ein modernes Studienzentrum mit 100 000 Büchern als Arbeitszentrum entstand. Die einzigartigen Sammlungen aus zig provisorischen Depots wurden in ein klimatisiertes Magazin überführt. «Das ist gut für die Bücher und für die Wissenschaftler. Sie können nun eine Stunde nach Bestellung - anstatt nach einem Tag - das Exemplar in der Hand halten.»

Auf Reinhard Laube warten schon neue Aufgaben. Die Digitalisierung der Bestände muss vorangetrieben werden, darunter die für die Forschung so wichtige Bibliothek von Goethe. Das unterirdische Büchermagazin stößt schon wieder an seine Aufnahmegrenzen. «Wir konnten nur für 20 Jahre planen», bedauert Knoche. Nicht nur von den Zuwendungsträgern werde immer wieder gefragt: «Was wollen Sie in zehn Jahren noch mit gedruckten Büchern?»

Für Knoche aber kann das Internet nicht das komplette Angebot an Wissen bereithalten. Gerade die oft über die Jahrhunderte entstandenen Bibliotheken machten Reiz und Gewinn für den Nutzer aus.

Herzogin Anna Amalia Bibliothek

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erstellt am 29.Sep.2016 | 14:15 Uhr

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