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Kultur

10. Dezember 2016 | 23:30 Uhr

Literatur : Dieter Manns «Schöne Vorstellung»

vom

Sein Name steht neben Theaterlegenden wie Max Reinhardt und Elisabeth Bergner im Foyer des Deutschen Theaters in Berlin auf der Tafel der Ehrenmitglieder.

Und doch ist Dieter Mann (74) vermutlich noch immer einer der unterschätzten großen Theater- und Filmschauspieler, der in der DDR Starruhm genoss und dann auch im vereinten Deutschland über Rollenangebote vor allem im Fernsehen nicht klagen konnte.

Auch kulturpolitisch hat das frühere SED-Mitglied und der DDR-Nationalpreisträger als Intendant des Deutschen Theaters in Berlin, wo er die noch aufstrebenden Talente wie Frank Castorf, Heiner Müller und Thomas Langhoff um sich scharte und förderte, einiges erlebt und bewirkt. Über sein atemberaubendes berufliches Leben und die weniger glamourösen Kinderjahre hat Mann jetzt in mehreren Gesprächen mit dem Journalisten Hans-Dieter Schütt Auskunft gegeben («Schöne Vorstellung», Aufbau Verlag).

Seinen Durchbruch und Überraschungserfolg hatte Mann in den 70er Jahren als junger Rebell Edgar Wibeau in Ulrich Plenzdorfs «Die neuen Leiden des jungen W.», den er über 300 Mal spielte. Später war er Wallenstein, Odysseus, Zirkusdirektor, der Tempelherr in «Nathan der Weise» und der Wehrhahn in Hauptmanns «Biberpelz». Auf der Leinwand (Ost) war er das «Glück im Hinterhaus». In der ZDF-Krimiserie «Der letzte Zeuge» wurde Dieter Mann an der Seite von Ulrich Mühe auch im Westen bekannter. Und Dieter Mann wurde einer der profiliertesten und begnadetsten Leser und Sprecher auf Hörbüchern und im Rundfunk.

«Was doch so aus einem dreckigen Proletarierjungen werden kann», durfte sich der Schauspieler einmal auf einem Empfang anhören. «Ich habe nur zurückgelächelt», erinnert sich Mann. Und als er schon in frühen Jahren seinen Berufswunsch äußerte, bekam er zu hören: «Schauspieler, so wie du aussiehst?» Die Schauspielschule war für Mann «die erste Schule meines Lebens», in der er endlich das Gefühl hatte, willkommen zu sein. Es war sein neues, richtiges Zuhause. «Ich lebte in ihr.»

Die Kinderzeit hatte für den Arbeitersohn aus Berlin-Tiergarten, der im Juni 75 wird, wenig Sonnenschein parat, was im Nachkriegsberlin allerdings auch keine Seltenheit war. Im Krieg wurde er im Kinderwagen von der Mutter durch die brennenden Seitenstraßen der Schönhauser Allee geschoben. Spielplatz waren später die Ruinen. Er war sich weitgehend selbst überlassen und fühlte sich «nicht gemocht», was er im Gesprächsband bekennt und was wohl bis ins hohe Schauspielerleben eine innere Antriebsfeder gewesen sein mag.

Dass man auch als Intendant nicht geliebt wird, sollte Mann in seinen späteren Berufsjahren erfahren. «Liebe sollte man da nicht erwarten.» Aber schon 1964 gehörte er dazu und wurde (bis 2006) Ensemblemitglied im renommierten Deutschen Theater in Ostberlin, dem Traumziel aller DDR-Schauspieler, dessen Intendanz er schließlich von 1984 bis 1991 übernahm, wenn auch erst nach einer Bedenkzeit. Oberspielleiter wurde Friedo Solter, der schon jahrelang das Haus geprägt hatte.

Eine sagenhafte Theaterkarriere hatte mitten in den deutsch-deutschen Turbulenzen ihren Höhepunkt erreicht. Es folgten noch zahlreiche Bühnen- und Fernsehrollen. Inzwischen ist es ruhiger um Mann geworden. «Mir muss keiner erklären, dass irgendwann die Stunde der Jungen schlägt. Es war auch mal meine Stunde», sagt der Schauspieler in den manchmal von Melancholie und Kulturpessimismus gefärbten Gesprächen mit Schütt. Der Journalist erwähnt denn auch in seinem Nachwort, dass Dieter Mann Parkinson-Patient ist «und aus diesem Grund zunehmend vorsichtig mit Öffentlichkeit» sei.

In den letzten Jahren ist Mann «so vielen Leuten begegnet, die mir vorschreiben wollten, wie ich gelebt haben soll». So wollte er nun mit den Gesprächen «an Bilanzen über mich auch selber ein wenig beteiligt» sein. Er wisse natürlich selbst, «in welchem politischen Gefüge ich gelebt habe», aber er lasse sich nicht gern sagen, Theater in der DDR sei «bei aller Bemühung dagegen letztlich doch nur Staatstheater gewesen», meint Mann. «Das DDR-Theater war nicht die DDR-Presse, und die Schauspielkunst bei uns war kein Zweig der primitiven Menschenbildnerei», wie sie von der offiziellen Propaganda betrieben worden sei.

Etwas blauäugig und manchmal auch widersprüchlich äußert sich Mann aber doch passagenweise zur Theaterpolitik in der DDR. Einerseits sagt er, er sei in der DDR geblieben, «weil ich unbeschwert lebte» und weil ihm «die Russen näher waren als US-Amerikaner». Andererseits erzählt er freimütig, wie das System der staatlichen Lenkung auch im Theaterbetrieb funktionierte. Da fährt eben mal am Abend ein DDR-Ministerpräsident (Horst Sindermann) am Deutschen Theater vor, und am Morgen danach verkündet der Intendant (Gerhard Wolfram), Volker Brauns Theaterstück «Tinka» werde aus «künstlerischen Gründen» nicht herauskommen. Mann spricht dann auch von einer «unglücklichen Tradition» abgewürgter Stücke.

Nach einem nicht zustandegekommenen «Faust»-Projekt von Friedo Solter zur festlichen Wiedereröffnung des renovierten DT 1983 werden Mann und sein Schauspielkollege Otto Mellies zum SED-Chefideologen Kurt Hager «zum Rapport befohlen», wie Mann es selbst formuliert. Auch mit dem Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann habe er «Gespräche über Ideologie, über Stücke führen müssen, das war nicht immer angenehm», auch wenn es letztlich der Kulturminister war, der seine schützende Hand über den Intendanten und sein Theater gehalten habe.

Anwerbungsversuchen der Stasi habe er widerstanden, meint Mann. Aber «einen Mitarbeiter des Ministeriums gab es am Theater wie in anderen Institutionen auch» - was auch immer das in der Praxis bedeutet haben mag. Nichtsdestotrotz fanden unter Manns Verantwortung im Wendeherbst 1989 legendäre Lesungen von bis dahin tabuisierten Autoren statt - und vor allem die Vorbereitung für die vor allem von Künstlern initiierte erste freie Massen- und Protestkundgebung auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989.

Die Frage, wie man sich in bestimmten Funktionen «vereinnahmen lässt», sei schwer zu beantworten, meint Mann rückblickend. «Ich bilde mir ein, aufgepasst zu haben.» Der oft auch unbequem nachfragende Gesprächspartner Schütt (der in DDR-Zeiten mal Chefredakteur der FDJ-Zeitung «Junge Welt» war) hakt nach, ob das schon «die entscheidende Lebenslüge» sei. «Ich bin mit mir im Reinen, was den Charakter der Selbstprüfungen betrifft», meint Mann. Er habe weder sich noch andere belogen.

Zivilcourage habe «jedem DDR-Bürger in führender Position zur Verfügung gestanden», womit sich die Frage stellte, «wie weit passt man sich an, oder buckelt man, und ich habe meine Antwort gewusst», sagte Mann nach seinem Intendanten-Abgang 1991 der Deutschen Presse-Agentur. «Ich habe versucht, gutes Theater zu machen und ehrlich zu bleiben. Dass das nicht frei von Fehlern blieb, können die einen Feigheit nennen, die anderen Leisetreterei. Theater wird von Menschen gemacht.»

Lesung am Deutschen Theater

Schöne Vorstellung

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erstellt am 18.Mai.2016 | 10:40 Uhr

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