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Kultur

03. Dezember 2016 | 03:28 Uhr

„Toni Erdmann“ : Dieser deutsche Film soll einen Oscar gewinnen

vom

In Cannes wurde er bejubelt - und gewann dann doch nichts. Jetzt hat der deutsche Film noch eine Preis-Chance.

München | Der Film „Toni Erdmann“ von Regisseurin Maren Ade geht für Deutschland ins Oscar-Rennen. Das gab die Auslandsvertretung des Deutschen Films, German Films, am Donnerstag in München bekannt. Er soll bei der Oscar-Verleihung im kommenden Jahr den begehrten Preis für den besten nicht-englischsprachigen Film nach Deutschland holen, wie eine unabhängige Jury entschied.

Bei seiner Weltpremiere im Mai beim Filmfestival Cannes wurde „Toni Erdmann“ von internationalen Zuschauern und Kritikern gleichermaßen gefeiert, ging dann aber bei der Preisvergabe am Ende höchst umstritten völlig leer aus.

Darum geht es in dem Film:

Vorsicht, Spoiler! Darum geht es in dem Film

Wie toll wäre es, manchmal jemand anderes zu sein. In eine Rolle zu schlüpfen und Dinge zu tun, die man sich sonst nie trauen würde. Ausbrechen aus den Konventionen und selbst auferlegten Pflichten. Würde das wirklich Freiheiten schaffen? Oder doch nur andere vor den Kopf stoßen und verletzen? Genau dies ist eines der Themen, mit denen sich die deutsche Regisseurin Maren Ade in ihrem Film „Toni Erdmann“ beschäftigt: eine Tragikomödie über einen Vater und dessen entfremdete Tochter - klug, komplex, berührend, tief traurig, etwas überdreht und wahnsinnig komisch.

Im Mittelpunkt stehen Winfried und Ines. Er ist ein lebenslustiger Musiklehrer, mit ausgeprägtem Hang zum Scherzen, der sein Spaß-Gebiss immer in der Brusttasche parat hat. Schon die erste Szene mit ihm verdeutlicht seinen schrägen Humor und dass er sich selbst nicht zu wichtig nimmt. Viel nüchterner sieht dagegen die Welt von Ines, Ende 30, aus. Sie ist erfolgreiche Unternehmensberaterin für einen großen Konzern und trimmt andere Unternehmen auf Effizienz. In der von Männern dominierten Welt will sie sich bei einem Projekt in Rumänien beweisen und weiter Karriere machen.

Da platzt dann aber Winfried hinein. Sein Hund ist gestorben, und er sucht die Nähe zu seiner ihm fremd gewordenen Tochter. Der passt das allerdings gar nicht, es kommt zum Eklat, und Winfried reist scheinbar ab - um dann als Toni Erdmann verkleidet wieder zurückzukommen: schiefe Zähne, zauselige Perücke, Jutebeutel über der Schulter und ein lautes Lachen.

Dieser Toni Erdmann schert sich nicht um die Konventionen der Wirtschaftswelt und hat zu Ines' Überraschung genau damit Erfolg. Vor allem jedoch gelingt dieser überdrehten Kunstfigur, was Winfried als Vater so wohl nicht geschafft hätte: Er hält Ines gewissermaßen einen Spiegel vor und öffnet ihr die Augen über die Absurditäten und die Leere ihres Lebens.

Das mag banal klingen, ist es bei Maren Ade aber nicht. Der Regisseurin gelingt es stattdessen, die Zuschauer auf über zweieinhalb Stunden immer wieder zu überraschen. Wohin die Geschichte geht, welche Wendungen sie nimmt, das bleibt bis zum Schluss offen.

Außerdem beweist die 39-Jährige nach Filmen wie dem Beziehungsdrama „Alle Anderen“ einmal mehr ihr Gespür für das richtige Tempo und die ausgewogene Balance zwischen Dramatik und Humor.  So lässt sie ihren Hauptfiguren Zeit, sich bei all ihren unausgesprochenen Konflikten anzuschweigen, nur um wenig später auf präzise pointierte Gags zuzusteuern - selten muss man im Kino bei so bedrückenden Erlebnissen so laut lachen. Nebenbei spricht Ade noch drängende Themen unserer Zeit an, wie das Verschmelzen von Beruf und Freizeit, Sexismus am Arbeitsplatz sowie Hierarchien zwischen Ost- und Westeuropa.

Getragen wird „Toni Erdmann“ dabei von den beiden herausragenden Hauptdarstellern. Die Deutsche Sandra Hüller und der Österreicher Peter Simonischek, beide profilierte Theaterschauspieler, verkörpern dieses Tochter-Vater-Duo so natürlich, dass man ihnen noch so abstruse Entwicklungen abnimmt.

Hüller passt perfekt in die Rolle der starken und doch verletzlichen Frau, die ausgerechnet mit dem schmalzigen Whitney-Houston-Song „The Greatest Love of All“ ihren Schlüsselmoment hat. An ihrer Seite brilliert Simonischek, der in einer Art Doppelrolle als Vater und Toni Erdmann verzweifelt versucht, wieder eine engere Beziehung zu seiner Tochter aufzubauen.

 

„Toni Erdmann“ habe unter den acht Bewerbern „durch seine konsequente künstlerische Handschrift“ überzeugt, erklärte die Jury: „Eine ebenso mutige wie stilsichere filmische Seelenschau am Puls der Zeit. Maren Ade schafft es, 162 Minuten Film zu einem humorvoll-entlarvenden Spaziergang durch die Nuancen einer Vater-Tochter Beziehung werden zu lassen.“ Die sieben übrigen Bewerber, darunter die Hitler-Satire „Er ist wieder da“, „Der Staat gegen Fritz Bauer“ und „Das Tagebuch der Anne Frank“, gingen leer aus.

Die Academy in Hollywood wird am 17. Januar 2017 eine Shortlist der eingesendeten Bewerbungen aus dem Ausland veröffentlichen, die fünf nominierten Filme sollen am 24. Januar bekannt gegeben werden. Die Oscarverleihung findet am 26. Februar 2017 in Hollywood statt.

Im vergangenen Jahr ging der Film „Im Labyrinth des Schweigens“ von Giulio Ricciarelli über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse als deutscher Beitrag ins Oscar-Rennen; er schaffte es aber nicht in die Auswahl der letzten fünf Nominierten.

Jedes Jahr schlägt die Auslandsvertretung des deutschen Films einen Kandidaten vor, der für Deutschland ins Oscar-Rennen geht. Der letzte Film, der dann auch offiziell für den Auslands-Oscar nominiert wurde, war „Das weiße Band“ von Michael Haneke bei der Oscar-Verleihung 2010. Den Oscar in der Kategorie bester nicht-englischsprachiger Film holte zuletzt „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck im Jahr 2007 nach Deutschland. Zuvor hatten auch Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“ (1979), István Szabós „Mephisto“ (1981) und Caroline Links „Nirgendwo in Afrika“ (2003) die Trophäe gewonnen.

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erstellt am 25.Aug.2016 | 11:58 Uhr

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