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Kultur

07. Dezember 2016 | 19:28 Uhr

Literatur : Der «Wall Street-Poet» blickt zurück auf 9/11

vom

Eugene Schlanger ist in New York bekannt als der «Wall Street-Poet». In seinen Versen verarbeitet er die Erlebnisse der Terroranschläge vom 11. September und den Verlust eines Kollegen. Auch zum 15. Jahrestag von 9/11 hat Schlanger gedichtet.

 Mit ernsten Gesichtern schaut eine Gruppe von Rechtsanwälten und Bankern aus den Fenstern eines Wolkenkratzers herunter auf staubbedeckte Trümmerberge aus Stahl und Beton.

Keiner bewegt sich, keiner sagt ein Wort, als 18 Stockwerke unter ihnen Bauarbeiter und Polizisten eine Reihe bilden und einem gerade geborgenen Opfer die letzte Ehre erweisen. 

Eugene Schlanger war damals einer von ihnen. Schweigend betrachtete er die Szene von seinem Büro an der Südspitze Manhattans aus. Es ist März 2002. Ein halbes Jahr zuvor, am 11. September 2001, rasten hintereinander zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers. Fast 3000 Menschen starben bei dem Terroranschlag. «Es war das schlimmste Erlebnis meines Lebens», sagt der heute 60-jährige gebürtige New Yorker. «Auch monatelang danach wurden noch Leichenteile geborgen.»

Schlanger ist in New York bekannt als der «Wall Street-Poet». Mit Gedichten verarbeitet er seine Gedanken. In «The Rain» (Der Regen) schreibt er: «Der Regen kam am dritten Tag nach den Toden: Eine kalte und erfrischende Neubesiedelung des Lebens und der Möglichkeiten der Stadt (...) Tausende vermisst in den Trümmern der zwei Türme, die für Amerikas Wohlstand und Erfindergeist standen.»

Einer seiner Kollegen verlor bei dem Anschlag sein Leben. In «Traders' Call To Arms» verarbeitet Schlanger den Verlust. «In God We Trust» handelt von dem darauffolgenden Krieg in Afghanistan. «Es reflektiert die Realität von jungen Soldaten, die in dem Krieg sterben oder verstümmelt werden», sagt er. Diese und eine Reihe anderer Gedichte finden sich in seinem 2006 veröffentlichten Buch «September 11 Wall Street Sonnets and Other New York City Poems».

Auch zum 15. Jahrestag der Anschläge griff Schlanger zu Füllfederhalter und Papier und schrieb: «Eine Freundin erzählt mir, dass sie endlich die 9/11-Gedenkstätte besucht hat und schweigend (...) vor dem eingravierten Namen von jemandem, den wir kannten, stand, dessen pulverisierte Überreste zur Erde dieser Insel-Grabesstätte im Zentrum der Welt wurden.»

Schlanger sieht die Rolle eines Poeten darin, Geschichte zu dokumentieren. «Poeten sollten über Dinge schreiben, die die Gesellschaft beschäftigen - über Krieg, Rassismus, Abtreibung und Religion. Ich schreibe deswegen über Anschläge wie 9/11 und Paris 2015, die Wall Street und Politik.» Viermal im Jahr schickt er per E-Mail seine Gedichte an rund 450 Leser.

Mit Expertise und Kompetenz dokumentiere Schlanger das Leben an der Wall Street nach dem 11. September, schrieb das «Wall Street Journal» «Die Terrorattacke hat eine Flutwelle von Tinte ausgelöst. Doch Schlanger sticht hervor: Er schreibt als Insider, der eine treue Anhängerschaft von Finanz-Fans erlangt hat, die ihn als eloquenten Sprecher für die Seele des Wertpapiergeschäfts sehen.»

Schlanger, der Jura an der New Yorker St. John’s Universität studiert hat, verfasste sein erstes Gedicht noch in der Schulzeit. Heute schreibt der Vater von zwei erwachsenen Kindern wann und wo immer er Inspiration findet: zu Hause in Montebello, eine halbe Stunde mit dem Zug von New York entfernt, oder während der Mittagspause an der Wall Street. Oft tippt er seine Gedichte dann am Computer ab, druckt sie aus und verleiht ihnen den letzten Schliff mit seinem Füllfederhalter. Täglich liest oder schreibt er Verse. Rainer Maria Rilke gehört zu seinen Lieblingsdichtern.

Poesie und Wall Street sind für ihn keine Gegensätze. «Kein Mensch ist eindimensional. Nur weil ich an der Wall Street arbeite, heißt das nicht, dass mich meine Arbeit definiert. Ich kenne Banker, die Musiker, Schauspieler oder Philosophen sind. Und ich bin eben Poet», sagt Schlanger. «Aber alle Künstler müssen auch einen Fuß im wirklichen Leben haben.»

Schlanger ist inzwischen Rechtsanwalt an der New Yorker Börse. Gegen Negativklischees gegenüber Bankern wehrt er sich. «Nicht jeder, der an der Wall Street arbeitet, ist gierig. Viele, die ich kenne, sind sehr intelligent und arbeiten hart.» Derzeit schließt er die Arbeit an seinem ersten Roman ab, der sich auch um die Wall Street dreht.

Er ist erklärter Republikaner, aber bei den anstehenden US-Wahlen will er für die demokratische Kandidatin Hillary Clinton stimmen. Über ihren republikanischen Konkurrenten Donald Trump hat er auch ein Gedicht geschrieben. In «Political Ambition» sinniert er: «Der neueste Scharlatan ist nun hervorgetreten, stolziert auf die Bühne, demonstriert seinen Reichtum und seine Macht, seine Frau und seine Hände, verkündet jedem in der Arena, was er vorhat und was falsch an denen ist, die es wagen, seine Leistungen infrage zu stellen. Seine wahnhafte Aufgeblasenheit entlockt Stammesjohlen der Zustimmung.» 

In den 15 Jahren seit den Anschlägen auf die Türme hat sich das Viertel an der Südspitze Manhattans verändert und wiederbelebt. Doch die Erinnerung bleibt. «Ich treffe noch oft Leute, die den 11. September miterlebt haben. Auch wenn solche schweren Unglücke passieren, muss man aufstehen und wiederaufbauen. New Yorker sind unglaublich widerstandsfähige Menschen. Ich glaube nicht, dass die Stadt überlebt hätte ohne diesen starken Willen.»

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erstellt am 10.Sep.2016 | 11:00 Uhr

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