zur Navigation springen

Kultur

09. Dezember 2016 | 03:05 Uhr

Kunst : Denker im Dienst: Bazon Brock wird 80

vom

Alltagsästhetiker, Altvorderer des Happenings, Künstler ohne Werk - Bazon Brock ist kaum zu beschreiben. Der emeritierte Ästhetik-Professor hat ein umfangreiches denkerisches Werk geschaffen und viele Bücher geschrieben, doch man muss ihn reden hören.

An diesem Donnerstag (2. Juni) wird der agile und wortgewaltige Philosoph, der seit Jahrzehnten in Wuppertal lebt, 80 Jahre alt.

Brock ist ein «Vordenker», wie es sie heute nur noch wenig gibt. Sich selbst bezeichnet Brock als «Denker im Dienst». Der Vorname Bazon ist übrigens ein Pseudonym des 1936 im pommerschen Stolp geborenen Jürgen Johannes Hermann Brock. Sein Lateinlehrer hatte ihm den aus dem Griechischen stammenden Spitznamen «Schwätzer» verpasst.

Und das wohl nicht ohne Grund. Wer Brock in seinem Haus auf den Hügeln des idyllischen Bergischen Lands besucht, sollte auch heutzutage viel Zeit mitbringen. Von Abraham über das antike Rom, den «Islamischen Staat», Parteiprogramme, EZB, Griechenlandhilfe, Flüchtlinge, Merkel bis hin zur AfD führt Brocks philosophische Tour. «Haben Sie das verstanden?», fragt er streng nach einer knappen Stunde. Am Ende hat immer Brock Recht.

Nach Stationen in Berlin und Wien übernahm Brock 1991 die Professur für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Universität in Wuppertal, bis er 2001 emeritiert wurde. Schon mit 29 Jahren bekam der gelernte Dramaturg und Doktor der Philosophie eine Ästhetik-Professur in Hamburg.

Kunst studierte Brock nie, doch er gehörte in den 60er und 70er Jahren zu den wichtigsten Kunstvermittlern. Brock veranstaltete Happenings mit Joseph Beuys. Er hielt auf dem Kopf stehend Vorträge und warf seine Schuhe in den Ätna. Seit 1968 brachte er mit seinen Besucherschulen» auf der Kasseler Documenta den Menschen Kunst nahe.

Philosophie hat bei Brock einen praktischen Alltagswert. Mit Peter Sloterdijk organisierte er zum Beispiel «Profi-Bürgerbewegungen» in Karlsruhe, um den Bürger als Wähler, Patienten oder Konsumenten zu «professionalisieren». Brock gründete - nach eigenen Angaben - auch das Institut für Rumorologie/Gerüchteverbreitung, das Labor für Universalpoesie und Prognostik, das Pathosinstitut Anderer Zustand und die Prophetenschule.

Seit Ende 2011 hat Brocks Denken einen realen Ort - die «Denkerei» in Berlin. Mitten in Kreuzberg hat das «Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand» seinen Sitz. Die «Denkerei» ist ein Ort zum Querdenken. «Wir bemühen uns, der öffentlich verbreiteten Ideologie entgegenzusteuern», sagt Brock.

Wenn man Brock nach der Wirkung seines Denkens fragt, dann klingt die Antwort trotzig-stolz. «Ich habe mehr geleistet als alle anderen, über 3000 öffentliche Auftritte, alles nachweisbar», sagt Brock. «Ich bin der Einzige in Deutschland, der völlig unabhängig ist, der noch nie von Vergabeeinrichtungen mit Stipendien oder Preisen bedacht worden ist, während die wahren Linken ihre Preise ohne Computer nicht mehr zählen können.»

Mehr als 40 seiner Schüler seien selbst Professoren geworden, sagte Brock einmal. Auch der Kunstsammler Christian Boros studierte bei ihm. Auf die Künstler-Generation der «Neuen Wilden» hatte Brock entscheidenden Einfluss. Albert Oehlen oder Martin Kippenberger seien für ihn die «Aufbruchsdenker der 80er Jahre» gewesen, sagt Brock. «Das war die Generation, auf die wir nach Beuys gesetzt haben.»

Er sei ein «Änderungsdenker», sagt Brock über sich selbst. So wie es eben auch Änderungsschneidereien gebe. «Ich betreibe mein Handwerk mit der Kunstfertigkeit des Argumentierens.»

Hilfsprogramme und Willkommenskultur hält er für gescheitert. «Es ist die Logik eines falsch verstandenen Allmachts-Humanismus, der glaubt, wenn man sich für eine gute Sache einsetzt, dann wird sie auch gut durch den Einsatz.» Probleme sind laut Brock unlösbar. «Erst wenn Sie anerkennen, dass sie unlösbar sind, beginnt eine wirksame Politik», sagt er. «Erst dann wird man intelligent.»

Einen Tag nach seinem 80. Geburtstag will Brock in Berlin seiner «Bilanzpflicht» nachkommen. «Bazon gegen unendlich - eine Lebensinventur» lautet der Titel seines persönlichen Geschäftsberichts. Oder in anderen Brockschen Worten: «Was war denn nun das ganze Affentheater?»

Bazon Brock über Bazon Brock

Brocks Lebensinventur am 3. Juni

zur Startseite

von
erstellt am 01.Jun.2016 | 11:13 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert