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Kultur

10. Dezember 2016 | 06:00 Uhr

Literatur : DDR-Grenztruppen mit der Kamera an der Berliner Mauer

vom

Für 148 Schüsse auf einen Flüchtling gab es eine Beförderung und eine Armbanduhr als «Sachprämie». Die Hunde im Todesstreifen trugen Namen wie «Arras von der Wasserstraße» und «Quinte von der Teufelswand» und einer ihrer Herrchen hatte laut Personalakte «starke sadistische Neigungen».

Notizen und Aktenvermerke aus der lange geheimen Archiv-Hinterlassenschaft der DDR-Grenztruppen. Sie werden jetzt in einer ebenso detailreichen wie historisch verdienstvollen zweibändigen Text-Foto-Edition von der Autorin Annett Gröschner und dem Fotografen Arwed Messmer dokumentiert.

Sie vollenden damit ein schon vor Jahren begonnenes Langzeitprojekt, verbunden mit einer Ausstellung im Berliner Haus am Kleistpark (bis 21. August). Über 1000 Panoramen und Einzelbilder zeigen den gesamten Verlauf der Mauer um West-Berlin, aufgenommen mit Kleinbildkameras der DDR-Grenzsoldaten. Die Banalität der Macht, ein Staat macht Inventur - seiner Grenz- und Befestigungsanlagen. Eines der monströsesten «Bauwerke» der Geschichte entsteht und die Erbauer halten die Aufbauphase in allen Details und Mängeln der ersten provisorischen Befestigungen fotografisch fest.

Mit deutscher Gründlichkeit wird der Mauerbau von 1961 durch Berlin und um den Westteil herum in den folgenden Jahren von den DDR-Grenzsoldaten mit Kleinbildkameras oft amateurhaft dokumentiert, um die Grenzanlagen immer «perfektionierter» zu machen. Die ersten Wachtürme (von über 200) gleichen wackeligen, weil schnell zusammengezimmerten Jagdhochständen. Unterstände erinnern an Pfadfinderhöhlen oder WC-Häuschen, Grabsteine eines Friedhofs werden zum Hocker umfunktioniert, Drahtverhaue erinnern an Laufgräben des Ersten Weltkriegs. Alles wurde zunächst mit einbezogen, auch Bahndämme, Hausfassaden und Fabrikmauern.

Erst sehr viel später entstand eine «durchrationalisierte Weglaufsperre», wie es sie zuvor noch nirgendwo gegeben habe, heißt es in der Dokumentation. Dabei wird auch daran erinnert, dass Moskau bei seiner Zustimmung zu den drastischen Absperrmaßnahmen am 13. August 1961 zunächst nur Stacheldraht genehmigt habe. Die Grenzsperren der ersten Jahre seien noch ein «scheinbares Provisorium von beeindruckend banaler Boshaftigkeit» gewesen, schreibt Matthias Flügge in dem Buch. Die «wirkliche Monstrosität» - nicht des Bauwerks, dessen äußere Erbärmlichkeit nie verloren ging - habe sich erst spät im damit verbundenen «Allmachtanspruch» des Staates gezeigt.

Die Wucht der ersten Grenzdurchbrüche (die zahlreichen Fluchttunnel wurden nach ihrer Entdeckung akribisch fotografiert) führten zu einem Umdenken der Sicherheitsorgane. Der Autor Olaf Briese spricht von einem «ungeplanten Selbstläufer» (inklusive der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1962), resultierend aus dem ungebrochenen Fluchtwillen vieler Ostdeutscher «und der demonstrativen alliierten Gleichgültigkeit gegen die Absperrung». Der «Selbstläufer» hatte auch einen «Maßnahmeplan» für den «Perspektivzeitraum 1991-1995/2000» mit einer Mauer aus Infrarot- und Mikrowellenschranken - aber Abschaltung der kostspieligen Grenzbeleuchtung, der Staat musste sparen.

1966 war die Mauer um West-Berlin herum fast 164 Kilometer lang, bestehend aus Signalzäunen, Stolperdrähten, Panzergräben, Kontrollsandstreifen («Todesstreifen») und Wachtürmen, bewacht von 13 000 Grenzsoldaten auf Motorrädern und zu Fuß und von 800 Hunden. 1964 wurde gegen 22 Grenzsoldaten ermittelt, die «Genussmittel, Schmuddelliteratur, Niethosen, Nylonhemden und Zündkerzen» von der westlichen Seite erbaten. So fehlte es denn auch in den Personalakten der Grenzregimenter nicht an Tadeln für manche Soldaten: «Er ist überzeugter Anhänger des Beat», oder er «gehörte zu den aktivsten Feindsenderhörern».

Spitzel und Denunzianten gab es auch, die meinten, etwas ganz besonders Verwerfliches melden zu müssen («Er äußerte gegenüber seinen Posten den Wunsch, 'dass er gerne mal nur für einen Tag in den Westen wolle, um dort einen Puff aufzusuchen'»). Das Lachen darüber vergeht einem, wenn man die im selben Band dokumentierten Berichte über die oft tragischen Fluchtversuche liest.

- Inventarisierung der Macht. Die Berliner Mauer aus anderer Sicht. Herausgegeben von Annett Gröschner und Arwed Messmer, mit Texten verschiedener Autoren, zwei Bände, Hatje Cantz Verlag, Berlin, 1326 Seiten, 98,00 Euro, ISBN 978-3-7757-4095-1.

Ausstellung Kleistpark

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erstellt am 02.Aug.2016 | 13:13 Uhr

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