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Kultur

05. Dezember 2016 | 19:47 Uhr

Literatur : Clemens Meyer: Klappe auf ... und Äkschn!

vom

Was ist Literatur? Darauf suchen Poetikvorlesungen in der Regel Antworten. Oder auf die Frage: Was passiert im Kulturbetrieb? Etwas abgestanden klingt das schon: Betrieb.

Bei Clemens Meyer heißt es denn auch GmbH, sogar: «Äkschn GmbH». Der Autor hat sich auf den Versuch einer Poetologie eingelassen. Vier Texte, die er im Sommer 2015 an der Goethe-Universität in Frankfurt las, erscheinen nun als Buch: «Der Untergang der Äkschn GmbH».

Groß sind die Fußstapfen, in die der Leipziger tritt: Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Christa Wolf, Heinrich Böll - die Liste der Frankfurter Poetikdozenten ist zugleich der unstrittige Kanon der deutschsprachigen Literatur nach 1945. Fast zwei Meter hoch gewachsen, die großflächigen Tattoos unter schwarzem Hemd und Sakko versteckt, steht Meyer bei seiner Antrittsvorlesung am Pult.

In der Öffentlichkeit kennt man den damals 37-Jährigen eher als Haudrauf denn als zurückhaltenden Romancier. Nach dem Studium am Leipziger Literaturinstitut verarbeitet er seine persönlichen Erfahrungen als Jugendlicher in den Nachwendejahren im Debüt «Als wir träumten» («ich konnte nicht glauben, als ich den Titel fand und erfand, dass es den noch nicht gab», schreibt er jetzt rückblickend).

Für seinen Kurzgeschichtenband «Die Nacht, die Lichter» (Meyer heute: «zwei Substantive durch Komma getrennt, fließende Bewegung von Einzahl zu Mehrzahl, ganz poetisch») erhält er 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse. Derzeit ist er Stadtschreiber in Mainz.

Die Vorlesungen sind nun auf den ersten Blick gar keine Abhandlung über Poetik. Sie nehmen niemanden an die Hand. Assoziation reiht sich an Assoziation. «The number eins of all the wonderful writing ladies: BRIGITTE REIMANN!!!», heißt es etwa einmal. Drei Ausrufezeichen. Geschrien statt geschrieben. «Aber wenn ich sie lese, die Franziska Linkerhand, bin ich nur sprachlos.» Und weiter in beabsichtigter Doppeldeutigkeit: «Eindringen will ich in sie und ihre Sprache, Brigitte Franziska, verfallen bin ich ihr und ihrer Sprache.»

Zurückhaltend ist Meyer nie. Oberflächlich betrachtet setzt er seine Götzen zu einer Collage der Moderne zusammen: Wolfgang Hilbig, Ronald M. Schernikau, Erik Neutsch, Uwe Johnson, Ernest Hemingway, Karl May. Darunter aber öffnet sich letztlich doch ein poetologischer Spalt.

Meyer zeigt: Seine Literatur entsteht nicht in der Abgeschiedenheit. Ob Beate Zschäpe, die vielleicht wie viele DDR-Kinder «Alfons Zitterbacke» las, oder Helmut Kohl, ob Bertolt Brecht oder der Softporno «Die Stoßburg» - sein Schreiben gebiert sich aus Einflüssen von draußen: aus Erfahrungen, Geschichten, Träumen.

Meyers Welt ist zerklüftet. Die Metapher wird bei ihm zum Querverweis, manchmal zum beliebigen. Die literarischen Bilder, die er in seinen Vorlesungen aufwirft, vollends zu greifen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Doch das muss wohl so sein: Meyers Zeitgeist in der Abgesang auf eine bisher bekannte Ordnung.

- Clemens Meyer: Der Untergang der Äkschn GmbH. Frankfurter Poetikvorlesungen. S. Fischer Verlag, 176 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-10-002423-7.

Clemens Meyer Homepage

S. Fischer Verlag über «Äkschn GmbH»

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erstellt am 02.Aug.2016 | 13:19 Uhr

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