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Kultur

05. Dezember 2016 | 01:32 Uhr

Literatur : Bestseller der ersten Nachkriegsjahre

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Die einen sagen über die ersten Nachkriegsjahre, «soviel Anfang war nie», andere sprechen von einer «Stunde Null». Der Autor Christian Adam berichtet in seinem Buch «Der Traum vom Jahre Null» über «die Neuordnung der Bücherwelt in Ost und West nach 1945».

Dabei geht es in erster Linie um die populären Unterhaltungsbücher und Sachbuch-Bestseller mit Massenauflagen. Das Bonmot «Was kann ein deutscher Schäferhund dafür, wenn Hitler ihn mochte» lässt sich auch auf das Feld der Unterhaltungsliteratur übertragen, wenn es im westlichen Nachkriegsdeutschland Bestseller gab, die auch NS-Propagandaminister Joseph Goebbels schon mochte.

Ein Beispiel dafür ist der Autor John Knittel, der (auch verfilmte) Bestseller wie «Via Mala» und «El Hakim» schrieb. «Schauerlich schöner, ergreifender Roman, der tief ans Herz rührt», notierte Goebbels nach einer Knittel-Lektüre in sein Tagebuch.

Ein echter Sonderfall in diesem Zusammenang ist der Franzose Antoine de Saint-Exupéry («Der kleine Prinz»), der in Nazi-Deutschland zu den erfolgreichsten ausländischen Autoren vor allem mit dem Fliegerbuch «Wind, Sand und Sterne» gehörte und im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland kämpfte. Er war wohl, wie der Autor Christian Adam hervorhebt, der einzige Bestsellerautor im Dritten Reich, der im aktiven Kampf gegen die Deutschen stand.

Der Fall gehört zu dem breiten Strom an Literatur, «der nahezu ungehindert weiterfließt», wie Adam es formuliert, neben den verfemten und verbotenen Autoren wie Erich Maria Remarque, Heinrich Mann und Anna Seghers, deren Bücher erst nach 1945 wieder in Deutschland erscheinen konnten.

Zum «breiten Strom, der weiterfloss», gehörten Bücher wie «Vom Winde verweht» oder Autoren wie Ehm Welk («Die Heiden von Kummerow») und Dinah Nelken («Ich an Dich»). Eine andere und heute kaum noch bekannte Besonderheit ist der westdeutsche Kasernenhof-Bestseller «08/15» von Hans Hellmut Kirst, eines der meistverkauften deutschsprachigen Bücher, ein Landerser-Roamn, der auch in der DDR positiv bewertet wurde und in dem sich, wie Adam betont, «ganze Generationen wiederfinden konnten». Die Verfilmung mit Joachim Fuchsberger und Mario Adorf ließ nicht lange auf sich warten. In einem Gutachten in der DDR hieß es, es sei «nützlich, einen Autor bei uns zu verlegen, der in Westdeutschland eine Leserschaft hat, die in die Millionen geht, und der mit seinen Büchern gegen die Remilitarisierung protestiert hat». Eine Buchhandelsausgabe ließ sich in der DDR allerdings nicht nachweisen.

Anders verhielt es sich mit Theodor Plieviers «Stalingrad»-Buch, das sowohl bei Rowohlt im Westen als auch bei Aufbau im Osten ein früher Nachkriegs-Bestseller war. Ein ebenso früher Bucherfolg in den westdeutschen Besatzungszonen war Eugen Kogons schon 1945 verfasste und noch heute gültige Dokumentation «Der SS-Staat», die spätere Auflagen erlebte und bis heute als die erste ausführliche Analyse des Nazi- und KZ-Systems gilt.

In der DDR waren später die 1960 erschienenen «Abenteuer des Werner Holt» von Dieter Noll über die Erlebnisse eines jungen Mannes aus der sogenannten Flakhelfer-Generation im Krieg und in der Nachkriegszeit ein Bestseller, der von der Defa verfilmt und auch in der Bundesrepublik beachtet wurde. Der Autor machte später weniger rühmlich mit einer Ergebenheitsadresse an SED-Chef Erich Honecker von sich reden, als er sich dazu hergab, einige Kollegen als «kaputte Type» zu beschimpfen.

Ein «Bestseller made in DDR» wurde der 1958 erstmals erschienene und auch (unter anderem von Frank Beyer) verfilmte Buchenwald-Roman «Nackt unter Wölfen» von Bruno Apitz mit eine Auflage von etwa zwei Millionen, ein Bucherfolg, der trotz Verbreitung auch in der Bundesrepublik zunächst weitgehend ein «Ost-Phänomen» blieb, wie Adam betont. In der DDR war das Buch Schullekttüre, während es in der Bundesrepublik zunächst kaum Beachtung fand.

Im Westen war Carl Zuckmayers Theaterstück «Des Teufels General» auch als Buchlektüre ein früher Nachkriegserfolg inklusive Verfilmung mit Curd Jürgens von 1955. Neben «08/15» waren in der Bundesrepublik die Kriegsromane «Der Arzt von Stalingrad» und die auch als TV-Mehrteiler überaus erfolgreiche Fluchtgeschichte «So weit die Füße tragen» Sensationserfolge. Ein Erfolg, den Adam auch darauf zurückführt, dass sie die Deutschen als Opfer zeigen, die mit «deutschen Tugenden» den Krieg überleben beziehungsweise auch unter widrigsten Umständen ihre Menschlichkeit bewahren - die sie bei anderen «Gelegenheiten» wie den SS-Gräueln wieder vergessen haben und die dann auch nicht in die Geschichten passen.

Adam dokumentiert in seinem akribisch gearbeiteten und gut recherchierten Buch auch die biografische Vorgeschichte mancher Autoren in der NS-Zeit wie zum Beispiel bei Kurt W. Marek (C.W. Ceram), dem Autor des Sachbuch-Bestsellers «Götter, Gräber und Gelehrte», der als Wegbereiter des populären Sachbuchs gilt und bis heute über fünf Millionen Mal verkauft wurde. Ein westdeutsches Nachkriegsphänomen mit bitterem Nachgeschmack ist der «unheimliche» Erfolg der «Landser»-Heftromane, die offiziell nicht beanstandet und erst 2013 eingestellt wurden («So lachte der Landser» gab es auch). Heftromane gab es übrigens auch in der DDR etwa in der Reihe «Das neue Abenteuer» und in beachtlichen Auflagen.

Im Osten wie im Westen Nachkriegsdeutschlands wurde auch ein Kampf gegen «Schmutz- und Schundliteratur» geführt, wenn auch unter anderen, im Osten vor allem unter ideologischen Vorzeichen. In der DDR wurden sogar Bücherverbrennungen auf Schulhöfen organisiert, wie Adam auch mit einem Foto dokumentiert. Den Tenor hatte dafür schon 1947 der (später inhaftierte) Philosoph Wolfgang Harich vorgegeben. «Bücherverbrennung und Bücherverbrennung ist auch nicht dasselbe.»

Dass es auch in Kriegszeiten und danach immer ein Bedürfnis nach «normaler Unterhaltungsliteratur» gab, ist nicht verwunderlich und wird von Adam als «eine der nachhaltigsten Folgen der NS-Literaturpolitik» überinterpretiert, wie der Autor generell zu manchen überspitzten Auslegungen neigt, die nicht immer schlüssig erscheinen. So meint er seine These am anhaltenden Erfolg von Autoren wie Ehm Welk («Die Heiden von Kummerow»), Heinrich Spoerl («Die Feuerzangenbowle») oder später Hugo Hartung («Ich denke oft an Piroschka», «Wir Wunderkinder») ablesen zu können.

Bei Hartungs «Piroschka»-Roman, der zu den populärsten Büchern der Nachkriegszeit gehört (und 1951 schon einen Hörspiel-Vorläufer hatte), versteigt sich Adam sogar zu der These, Hartung habe den Deutschen «in gewisser Weise die Unschuld» zurückgegeben - «sie werden zu den Angehörigen eines Volkes, das die Ungarn als guten Verbündeten noch in Erinnerung hatte». Auch würden im Roman «die gängigen Ungarnklischees» bedient, «von weinseligen Nächten über die Weite der Puszta bis hin zu den ewig musizierenden 'Zigeunern'».

Aber abgesehen von solchen streitbaren Auslegungen hat Adam nach seiner Dokumentation über «Lesen unter Hitler» wieder ein inhaltsreiches und gut dokumentiertes (sogar mit etwas überreichlichen Zitaten) Buch vorgelegt, das die deutsche Nachkriegszeit auf dem Gebiet der Bestseller lebhaft in Erinnerung ruft.

- Christian Adam: Der Traum vom Jahre Null. Autoren, Bestseller, Leser: Die Neuordnung der Bücherwelt in Ost und West nach 1945. Galiani, Berlin, 445 Seiten, 28,00 Euro, ISBN 978-3-86971-122-5.

Der Traum vom Jahre Null

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erstellt am 27.Jul.2016 | 14:41 Uhr

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