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Kultur

07. Dezember 2016 | 17:33 Uhr

Literatur : Auf Abwegen: Emma Cline debütiert mit «The Girls»

vom

Das Jahr 1969 hat die 14-jährige Evie für immer verändert. Bis in die erzählte Gegenwart - sie ist inzwischen eine Frau mittleren Alters - verfolgen sie die Erinnerungen an die Ereignisse in jenem Sommer. Ein Lichtreflex, ein Tuch aus Chiffon der Mutter reichen - schon ist alles wieder da.

Die amerikanische Newcomer-Autorin Emma Cline, geboren 1989, geht in ihrem Romandebüt «The Girls» der Frage nach, wie weit ein junger Mensch, in diesem Fall die einsam-orientierungslose Evie, zu gehen bereit ist, um Halt und Anerkennung zu finden. Cline lässt ihre Protagonistin in die Fänge des ebenso charismatischen wie satanisch veranlagten Sektenführers Russell geraten, der seine Jüngerinnen auf einer heruntergekommenen Ranch in Kalifornien mit Sex und Drogen gefügig macht und sie am Ende zu einem blutig-brutalen Massaker animiert.

Die pubertierende Anti-Heldin himmelt allerdings weniger Russell als vielmehr dessen 19-jährige Hauptfrau Suzanne an, die zu ihrem persönlichen Role Model wird. Neben dieser verblassen alle Männer, vor allen Dingen ist sie aber die Einzige, von der sich Evie wahrgenommen fühlt.

Vor dem Hintergrund der realen Geschichte des legendären Hippie-Gurus Charles Manson und seiner überwiegend weiblichen Gemeinde, scheint sich Cline in ihrem Erstlingswerk weniger für die Auswüchse einer Gegenkultur im «Zeitalter des Wassermanns» und der Power-Flower-Bewegung zu interessieren als für die seelischen Befindlichkeiten einer Teenagerin aus dem Bürgertum. Zeitlich angesiedelt vor inzwischen fast einem halben Jahrhundert, ist diese Coming-of-Age-Story immer noch aktuell. Sie läuft von Beginn an auf die Katastrophe zu, die brutalen Morde der «Girls» nehmen allerdings nur den geringsten Teil des Buches ein.

Cline versteht sich darauf, ebenso einfühlsam wie bildhaft und mit vielen griffigen Vergleichen gewürzt zu schreiben. Sie wechselt dabei immer wieder die Perspektive - aus der des verführbaren Mädchens von damals zu der der erwachsenen Frau von heute, was es - zumindest anfangs - nicht immer leicht macht, ihr zu folgen. Auch etliche orthografische Fehler in der deutschen Übersetzung stören den Lesefluss ein wenig.

Psychologische Tiefe kann man dem Roman jedoch nicht absprechen. Warum sich indes US-Verlage in einem millionenschweren Bieterwettstreit um die Rechte an «The Girls» gerissen haben sollen, wie verschiedene Medien berichteten, bleibt schwer nachvollziehbar.

- Emma Cline: «The Girls», Hanser Verlag, 352 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3446252684.

The Girls

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erstellt am 09.Aug.2016 | 11:54 Uhr

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