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Kultur

11. Dezember 2016 | 05:18 Uhr

Erinnerungen einer sh:z-Redakteurin : Als David Bowie meine Handtasche trug

vom

Trauer um David Bowie: Der Tod des 69-Jährigen erschüttert seine Fans und Weggefährten. Auch in Hamburg werden Erinnerungen wach.

Hamburg | David Bowie war eine Musiklegende - mit seiner Frau lebte er verhältnismäßig zurückgezogen, Interviews gab er in den vergangenen Jahren fast gar nicht mehr. Trotzdem hatte ich das Glück, mit Bowie sprechen zu dürfen. Als ich ihn 2002 in New York zu seinem Album „Heathen“ interviewen sollte, wurde im Vorfeld natürlich viel Wirbel gemacht. Die Auflage war: Ich dürfe mit ihm nur über seine neuen Songs sprechen, private Fragen seien nicht zulässig. Aber dann kam alles ganz anders. Dank einer Kuh-Tasche, die ich während eines Sylt-Urlaubs erstanden hatte.

Kaum hatte ich die Hotelsuite betreten, schon sprach mich der Sänger auf mein Accessoire an. „Magst du Kühe?“ wollte er wissen. Ich nickte, und er strahlte. Auch seine Tochter Lexi liebe diese Tiere, verriet er. Damit war das Eis gebrochen. Er machte mir ein Angebot, dass für mich als Journalistin Gold wert war: „Du kannst mir jede Frage stellen, die du auf dem Herzen hast.“ Bowie outete sich im Laufe unseres Gesprächs als ein verletzlicher, ängstlicher Mensch. Er erzählt, wie unglücklich er gerade in den 70ern gewesen sei: „Ungeachtet meines Erfolgs war ich oft verzweifelt.“

Er gestand, dass er sich mit seiner Unsicherheit dauernd selber im Weg gestanden habe. Zum Beispiel traute er sich nicht, der französischen Sängerin Francoise Hardy seine Bewunderung auszusprechen: „Dafür war ich einfach zu schüchtern.“ Erst die Ehe mit seiner Frau Iman stabilisierte ihn. Durch sie wurde er offener: „Iman brachte mir bei, auf andere Menschen zuzugehen.“

Das somalische Model Iman Mohamed Abdulmajid und Ehemann David Bowie bei der Vanity Fair Tribeca Film Festival Party 2006 in New York. /epa/Archiv
Das somalische Model Iman Mohamed Abdulmajid und Ehemann David Bowie bei der Vanity Fair Tribeca Film Festival Party 2006 in New York. /epa/Archiv Foto: JASON SZENES
 

Solche Dinge gab Bowie ohne zu zögern preis. Er baute im Interview keinen Schutzwall um sich herum auf, erst recht hatte er keine Starallüren. Er war gut gelaunt, ständig lachte er. Beinahe hätte man meinen können, da sitzt einem ein guter Freund gegenüber, kein Superstar. Selbstverständlich hatte er nichts dagegen, noch ein gemeinsames Foto zu machen. Er bestand darauf, sich meine Kuh-Tasche umzuhängen. Dann haben wir beide um die Wette in die Kamera gelächelt, bevor ich glückselig mit einem Polaroid und einem Autogramm den Raum verließ.

Mit meinen positiven Erinnerungen bin ich nicht allein. Es gibt wohl kaum einen Musiker, der David Bowie nicht verehrt hat. Etliche Künstler benannten den Briten als eines ihrer wichtigsten Vorbilder. Kanye West twitterte beispielsweise: „David Bowie war eine meiner größten Inspirationen, so furchtlos, so kreativ.“

Jetzt ist der Held vieler Generationen, die ihn nicht nur für seinen Hit „Heroes“ liebten, tot. Er erlag einem Krebsleiden, wie auf seiner Facebook-Seite bekanntgegeben wurde.

January 10 2016 - David Bowie died peacefully today surrounded by his family after a courageous 18 month battle with...

Posted by David Bowie on  Sonntag, 10. Januar 2016

Nach einem 18-monatigen Kampf gegen seine Krankheit sei er friedlich im Kreis seiner Familie eingeschlafen, hieß es. Sein Sohn, der Filmemacher Duncan Jones, bestätigte via Twitter die Todesnachricht. Zum Abschied postete er ein Foto von sich und seinem Vater, der mit rund 140 Millionen verkauften Alben nicht nur zu den erfolgreichsten Musikern der Popgeschichte gehörte, sondern zu den einflussreichsten.

Immer wieder hat er sich neu erfunden. Seine Kreativität schien unerschöpflich zu sein, was zuletzt seine CD „Blackstar“ bewies, die am vergangenen Freitag, seinem 69. Geburtstag, erschienen ist. Sein langjähriger Produzent Tony Visconti kommentierte dieses Werk mit den Worten: „Bei ‚Blackstar‘ war es in erster Linie das Ziel, Rock’n’Roll zu vermeiden.“ Mit den ausgedehnten Free-Jazz-Soli in vielen Songs gelang das auch. Diese Platte manifestierte Bowies Ruf als musikalisches Genie, den er sich im Laufe der Zeit erarbeitet hatte. Schon sein erster Hit „Space Oddity“ – ein eigenwilliger Mix aus verschiedenen Stilen von Rock über Pop bis Soul – wollte Ende der 60er Jahre in keine Schublade passen.

Bowie kreierte Kunstfiguren wie Ziggy Stardust, Major Tom oder den Thin White Duke. Seine Wandelbarkeit brachte ihm den Spitznamen „Chamäleon des Pop“ ein. Er war ein unruhiger Geist, der mal in Los Angeles, mal in Berlin und zuletzt mit seiner Frau Iman in New York wohnte. Doch selbst er war vor einer künstlerischen Krise nicht gefeit. Einige nahmen es ihm übel, dass er sich in den 80ern mit kommerziellen Liedern wie „Let’s dance“ oder „China Girl“ dem Massengeschmack anbiederte. Bis er in den 90ern die Kritiker mit „Black Tie White Noise“ wieder auf seine Seite zog. Diesen Langspieler bezeichnete Bowie, der unter anderem Dank seiner Rolle als Andy Warhol in dem Film „Basquiat“ auch seine Schauspielkarriere angekurbelt hatte, als sein bestes Soloalbum.

Allerdings zeichneten ihn nicht allein seine künstlerischen Fähigkeiten aus, er hatte einen außerordentlichen Geschäftssinn. Bereits 1997 ging er einen neuen Weg, um Geld zu verdienen: Er gab Anleihen, sogenannte Bowie-Bonds, heraus, die ihm 55 Millionen Dollar einbrachten. Auch das Internet wusste er sich zunutze zu machen. Seine Website war seit 1996 online, er verstand sich auf Selbstvermarktung. Ohne sein Privatleben ständig in die Öffentlichkeit zu zerren.

 

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erstellt am 11.Jan.2016 | 13:33 Uhr

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