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Kultur

10. Dezember 2016 | 19:37 Uhr

Kultur : Alice Waltons Kunst-Spektakel in Arkansas

vom

Bentonville (dpa) - Tief in Gedanken versunken scheint der junge Mann mit dem braunen Vollbart in die Ferne zu schauen. Es ist der 1934 gestorbene deutsch-britische Bariton-Sänger George Henschel, gemalt 1889 vom US-Künstler John Singer Sargent.

Das kleine dunkle Ölfarben-Porträt hängt heute in einer Ecke des Crystal Bridges Museum of American Art. «Alice hatte dieses Bild in ihrem Schlafzimmer - so sehr liebt sie es», sagt Kurator Chad Alligood.

Alice ist Alice Walton, 66 Jahre alt, Wal-Mart-Erbin und eine der reichsten Frauen der Welt. Auf rund 30 Milliarden Dollar (etwa 27 Milliarden Euro) wird das Vermögen der Tochter des 1992 gestorbenen Gründers der Einzelhandelskette, Sam Walton, geschätzt. Ihr erstes Bild soll Alice Walton mit elf Jahren in einem der damals noch kleinen Läden ihres Vaters gekauft haben. Ein Picasso-Poster für 25 Cent, verdient, indem sie wochenlang Popcorn vor den Geschäften ihres Vaters verkauft hatte. Heute wird ihre Kunstsammlung auf einen Wert von 500 Millionen Dollar geschätzt.

Seit 2011 ist ein großer Teil davon öffentlich im Crystal Bridges Museum of American Art zu sehen. Walton hat das Museum gegründet, mit eigenem Geld und Unterstützung des Familienkonzerns, der auch den kostenlosen Zugang zur Kunst gewährleistet. Die von dem israelischen Architekten Mosche Safdie entworfene Ausstellungshalle aus mehreren Pavillons überbrückt einen Bach und liegt spektakulär mitten in einem Wald. Rund um das Museum herum führen zahlreiche Wanderpfade. Das Grundstück ist Familienbesitz der Waltons, die hier aus der kleinen und nicht einfach zu erreichenden Stadt Bentonville im ländlichen Nordwesten des US-Bundesstaates Arkansas heraus seit den 60er Jahren Wal-Mart zu einem der größten Unternehmen der Welt formten.

«Die Menschen haben hier die Möglichkeit, die Kunst einmal auf ganz andere Art und Weise mitten in der Natur zu genießen», sagt Museumsdirektor Rod Bigelow. «Sie können sich auf amerikanische Kunst fokussieren und hier im Zentrum des Landes über den Geist Amerikas diskutieren.» Traditionell stehen die großen Kunst-Institutionen der USA in den Metropolen wie etwa New York, Washington, Los Angeles, Chicago, Dallas oder Miami. Bentonville hat gerade einmal rund 40 000 Einwohner, vor der Eröffnung von Crystal Bridges war das nächste Kunstmuseum mindestens drei Stunden Autofahrt entfernt, in Tulsa oder Kansas City. «Bei der Gründung dieses Museums ging es auch darum, Zugang zu Kunst zu schaffen», sagt Bigelow, der aus dem Nordwesten der USA stammt. «Es hat das Leben der Menschen hier bereichert.» 

Rund 2500 Werke umfasst die Kollektion inzwischen, und ständig kommen neue hinzu. «Wir sind noch so jung und sind so spät zu diesem Spiel dazugestoßen, dass unsere Sammlung sich immer noch sehr in der Entwicklungsphase befindet», sagt Bigelow. «Wir wissen, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben.» 

Im Fokus stehe die Geschichte der USA und die Konstruktion der amerikanischen Identität, erzählt durch die Augen ihrer Künstler. Bei moderner und zeitgenössischer Kunst sei noch «Luft nach oben», Kunstwerke von Frauen und die sogenannte Hudson River School, eine Gruppe von US-Landschaftsmalern aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, seien dagegen die großen Stärken der Sammlung, sagt Kurator Alligood, während er durch die Säle mit chronologisch angeordneten Werken führt.

So kaufte Walton eines der bedeutendsten Werke der Hudson River School, «Kindred Spirits» von Asher Brown Durand aus dem Jahr 1849, vor rund zehn Jahren der New Yorker Stadtbibliothek ab, angeblich für 35 Millionen Dollar. Die New Yorker waren entrüstet darüber, dass das berühmte Bild nach Arkansas verschwinden sollte. Für Walton aber habe es den Ausschlag zur Gründung des Museums gegeben, sagt Kurator Alligood, weil sie es der Öffentlichkeit zurückgeben wollte.

Der Geist der schmalen Frau mit den grauen Haaren scheint allgegenwärtig in Crystal Bridges, trotzdem gibt sich Walton scheu und lehnt alle Interviewanfragen ab. Dabei sei sie sehr eingebunden in die täglichen Angelegenheiten des Museums, sei dessen «Haupt-Cheerleaderin» und verbringe mindestens eine Woche im Monat in Bentonville, sagt Direktor Bigelow. «Sie ist jemand, der reinkommt, eine Gruppe von Leuten zusammensammelt und ihnen eine Tour gibt - die Leute ahnen natürlich nicht, dass sie dann drei Stunden Tour vor sich haben, aber es wird eine tolle Tour.» Walton sei außerdem eine «visionäre Sammlerin mit einem Auge für Qualität, wo immer sie sie auch findet», sagt Kurator Alligood. «Sie liest viel, will immer mehr lernen, und wenn man ihr etwas Neues zeigt, ist sie begeistert.»

Das Museum, das seit seiner Gründung jedes Jahr bis zu 600 000 Menschen anzieht, hat die Stadt Bentonville verändert. «Arkansas war eigentlich nie ein Staat, wo man seine Ferien verbringen wollte», sagt Direktor Bigelow. «Man fuhr durch oder flog drüber. Jetzt ist das Museum ein Ziel, eine Art Rückzugsort von den großen Städten, und darauf sind wir stolz.»

Zum Museum hat sich ein renoviertes Haus von Star-Architekt Frank Lloyd Wright gesellt, das ursprünglich in New Jersey stand. Eine frühere Käsefabrik in der Innenstadt soll in den kommenden Jahren zum Zentrum für moderne Kunst umgewandelt werden. «Da können wir dann auch Spaghetti an die Wand werfen, wie Alice es formuliert», sagt Bigelow.

Ein Kunst-Pfad verbindet Museum und Stadtzentrum, wo neue Hotels, Restaurants, Läden und Cafés entstanden und die Mieten deutlich angestiegen sind. Das Hotel «21c» hat seine Lobby komplett zur Galerie umgewandelt. Unweit des Hauptplatzes, wo der allererste Wal-Mart stand und heute ein Museum unter anderem das Brautkleid von Alice Waltons Mutter Helen zeigt, sitzen vor dem «Onyx Coffee Lab» Menschen mit blau gefärbten Haaren und trinken Iced Latte. «Ich glaube nicht», sagt Museumsdirektor Bigelow, «dass es das alles ohne Crystal Bridges gegeben hätte.»

Bericht der New York Times

Weiterer Bericht der New York Times

Crystal Bridges Museum

Forbes zu Alice Walton

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erstellt am 27.Jul.2016 | 15:19 Uhr

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